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DISPUT

Alle reden über Marx

Karl Marx öffnet die Augen für die Widersprüche, die der kapitalistischen Gesellschaft eigen sind

Von Sabine Nuss

Vor kurzem hat die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« ihre jährliche Rangliste der 100 einflussreichsten Ökonomen vorgelegt. Karl Marx war auch dabei. Er ist hochgerutscht auf Platz 66 (von 89 im vergangenen Jahr) und ist damit einflussreicher als Carl Christian von Weizsäcker (98).

Kein Wunder. Seit Ausbruch der Finanzkrise vor zehn Jahren wird Marx auch in den Leitmedien wieder zitiert. Tenor: »Hatte Marx doch Recht?« Die etablierte ökonomische Zunft, Analysten und Kommentatoren, wurden überrascht von der Krise. Zu den Ursachen gab es mehr Fragen als Antworten. Da liegt die Rückbesinnung auf Marx nah. Bei aller Anerkennung jedoch, die man ihm heute wieder zollt, unterm Strich wird er doch als Ökonom des 19. Jahrhunderts gelesen, der uns heute nicht mehr viel zu sagen hat.

Auch im Moment hat Marx wieder Konjunktur, ganz banal, aufgrund zweier Jubiläen: Im September wurde das »Kapital« 150 Jahre alt und im Mai nächsten Jahres feiert der weltweit berühmteste Kapitalismuskritiker seinen 200. Geburtstag.

Die Linke, klein- und großgeschrieben, hat ihren Bezug auf Marx nie ganz aufgegeben. Marx hat uns was zu sagen. Immer noch. Aber was? Das wissenschaftliche Vorhaben von Marx war ambitioniert, er wollte nicht den Kapitalismus seiner Zeit, sondern die Grundstrukturen der kapitalistischen Produktionsweise generell analysieren, wie sie in jeder kapitalistisch organisierten Gesellschaft wirken, egal wann und egal wo. Wobei der je konkrete Kapitalismus in Zeit und Raum sehr unterschiedliche Gesichter haben kann.

Dabei sind es die Spielregeln, die im Zentrum der Marx’schen Analyse standen, nicht so sehr die Spieler. Marx hätte sicher nicht bestritten, dass es gierige Manager gibt. Interessiert hat ihn aber nicht die moralische Kritik. Er wollte zeigen, welche gesellschaftlichen Strukturen diese Gier erst hervorbringen.

Zu diesen »Spielregeln« gehört, dass die Mehrheit der Menschen kein Eigentum an den Produktionsmitteln hat. Sie müssen daher ihre Arbeitskraft an jene Minderheit verkaufen, die diese Produktionsmittel besitzt. Dieses Klassenverhältnis ist eine Voraussetzung für die kapitalistische Produktionsweise. Es existiert auch dann, wenn sich die subalterne Klasse ausdifferenziert, die Lohnarbeitsverhältnisse der einen prekärer werden, während andere nicht nur höhere Löhne erhalten, sondern durch Belegschaftsaktien vielleicht sogar einen minimalen Anteil des Unternehmens erhalten.

Krise ist unvermeidlich

Die grundlegende Ungleichheit bei der Verfügung über die Produktionsmittel ist nicht nur Grundlage des Kapitalverhältnisses, sie wird im Kapitalismus auch Tag für Tag reproduziert. Die Masse jener Menschen, die gezwungen sind »ihre Haut zu Markte zu tragen«, bleibt darauf angewiesen, das zu tun, selbst wenn die Löhne steigen. Die Eigentümer der Produktionsmittel kaufen die Arbeitskraft zu dem einzigen Zweck, das eingesetzte Kapital zu vermehren, Profi t zu erwirtschaften, und für die meisten klappt das auch. Materielle Ungleichheit ist der kapitalistischen Produktionsweise eingeschrieben – und Marx wusste: Sie hat auch die Tendenz zuzunehmen, selbst wenn der Lebensstandard steigt. Thomas Piketty hat vor einigen Jahren Schlagzeilen gemacht mit dem empirischen Nachweis einer über Jahrzehnte zunehmenden Ungleichheit im Kapitalismus. Für Marx wäre das keine Überraschung gewesen.

Marx öffnet die Augen für die Widersprüche, die der kapitalistischen Gesellschaft eigen sind. Ist die Akkumulation von Kapital einerseits für jede Nation Voraussetzung für Wachstum, basiert sie andererseits auf Ausbeutung von Mensch und Natur. Schäden an Gesundheit und Ökologie sind die Folgen. Ist das einzelne Unternehmen aufgrund der Konkurrenz gezwungen, die Produktivität zu steigern, was häufig eine Ausweitung der Produktion bedeutet, gibt es dafür auf der anderen Seite gar nicht genug Nachfrage. Denn Löhne sind Kosten für das Kapital und werden tendenziell gedrückt. Es ist, als ob man beim Autofahren Gaspedal und Bremspedal stets gleichzeitig betätigt, bis es irgendwann qualmt. Dann ist Krise. Marx zeigt, wo in den Tiefenschichten der kapitalistischen Ökonomie diese Instabilität schon angelegt ist. Die Krise ist kein Betriebsunfall. Sie ist im Kapitalismus unvermeidlich.

Die gesellschaftliche Praxis im Kapitalismus bringt jedoch ganz besondere Wahrnehmungen auf diese Wirklichkeit hervor. Zum Beispiel dass die »Wirtschaft« als separate Sphäre eine Art Eigenleben führt, sie »wächst«, sie »schrumpft« oder sie »erholt« sich. Ähnlich sind Denk- und Redeweisen, wie »das Kapital, das Profi t bringt«, »das Geld, das arbeitet«. Doch »die Wirtschaft« tut nichts: Wir tun. Weder arbeitet Geld, noch bringt das Kapital den Profi t. Es sind die arbeitenden Menschen, die dahinter stehen. Jene, die den Mehrwert produzieren, der dann als Frucht des Kapitals wahrgenommen wird.

Was dieser Schein des arbeitenden Geldes verschleiert: Die kapitalistische Produktionsweise basiert auf Herrschaft und auf Ausbeutung. Das kann in verschiedenen Ländern und Entwicklungsstadien ihrer Ökonomien ganz unterschiedlich Gestalt annehmen. Eine stärkere Ausdifferenzierung der Finanzmärkte, der Arbeitsmärkte, ein höheres Stadium der technologischen Entwicklung – all das kann historisch variieren. Was aber bleibt, sind die Grundstrukturen, die Marx analysierte.

Krisenhaftigkeit und die systematische Herstellung von Ungleichheit sind allerdings nur eine Seite der Marx‘schen Kritik. Auf der anderen Seite war er begeistert von der der kapitalistischen Produktionsweise innewohnenden ungeheuren Fähigkeit zu Innovation und Produktivkraftsteigerung, sah diese jedoch zunehmend in Widerspruch geraten zu den Produktionsverhältnissen.

Je bewusster man sich all dieser Gegensätze ist, desto besser gelingt es, die Handlungsspielräume linker Politik und Praxis einzuschätzen. Ein Raus gibt es nicht, solange die kapitalistische Produktionsweise herrscht, aber ein Bewegen in Widersprüchen. Errungenschaften für die lohnabhängige Bevölkerung werden uns von niemandem geschenkt. Sie sind stets Ergebnis von Kämpfen, die solange nötig bleiben, solange die Akkumulation des Kapitals wesentliche Triebkraft ist, um Reichtum zu produzieren. Die Agenda 2010 hat gezeigt, wie leicht einmal erworbene Geländegewinne unter dem Druck von Kapital und globaler Konkurrenz kassiert werden und wie schwer es ist, sie wieder zurück zu gewinnen. Ausruhen ist nicht.

Letztlich darf man bei all diesen Kämpfen innerhalb des Kapitalverhältnisses aber nicht vergessen, dass das kapitalistische Herrschaftsverhältnis selbst überwunden werden muss, da ihm eine zerstörerische Dynamik inne wohnt. Und das ist es auch, woran uns Marx erinnert. Die Art und Weise der Verkehrsformen, die Existenz von Ware, Lohn, Profi t und Geld, sind nichts »Natürliches«, nicht schon seit Menschengedenken dagewesen, sondern im Zuge von jahrhundertelangen Auseinandersetzungen entstanden. Also auch veränderbar.

Allerdings haben wir es dabei nicht mit einem unbeschriebenen Blatt zu tun. Versuche, aus der kapitalistischen Produktionsweise auszubrechen, hat es in der Geschichte schon mehrfach gegeben. Mit fatalen Folgen. Das stalinistische Regime ist das wohl bekannteste Zeugnis einer vermeintlichen Alternative zum Kapitalismus, die Terror und Unterdrückung hervorbrachte. 100 Jahre Russische Revolutionen in 2017 bietet eine gute Gelegenheit, sich damit auseinander zu setzen. Marx zu lesen, mit der Absicht, die gesellschaftlichen Verhältnisse besser zu verstehen, um sie zu überwinden, kann nicht gehen, ohne auch jene Geschichte mit zu betrachten, in die er schließlich gestellt wurde.

Dann ist auch das zu lernen: Marx war kein Heiliger. Der Personenkult, der um ihn entstanden ist, hätte ihm selbst wahrscheinlich am wenigsten gefallen. Er hat uns keine fertige Theorie hinterlassen, von Steinbruch oder »Torso« ist die Rede und zur Frage, wie eine alternative Gesellschaft und gar der Weg dahin aussehen könnte, ist bei ihm nichts systematisch Ausgearbeitetes zu finden. Marx lesen erfordert weiter zu denken, aber vor allem: selbst zu denken, getreu dem, was Marx seinen Töchtern gegenüber als das eigene Lebensmotto benannt hat. De omnibus dubitandum – An allem ist zu Zweifeln!

Sabine Nuss arbeitet bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung und ist Co-Geschäftsführerin des Karl Dietz Verlags Berlin.

Zur Debatte siehe e-Paper DISPUT

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