Diese Website verwendet Cookies. Warum wir Cookies einsetzen und wie Sie diese deaktivieren können, erfahren Sie unter Datenschutz
Skip to main content

DISPUT

30 Stunden sind genug

Was der Kampf um Arbeitszeitverkürzung und Zeitsouveränität mit Emanzipation, Demokratie und Gerechtigkeit zu tun hat

Von Katja Kipping

In Deutschland wird gewählt. Am 24. September geht es darum zu entscheiden, wie die Politik in diesem Land in Zukunft aussehen soll. Die Politik des »Weiterso « der großen Koalition mit Angela Merkel als Kanzlerin kann und wird die Herausforderungen der Zukunft nicht lösen. Zur Bilanz der Regierung Merkel gehört, dass die Armutszahlen kontinuierlich gestiegen sind und die öffentliche Infrastruktur auf Verschleiß gefahren wird.

Die Regierung Merkel hat dieses Land zu einem Land der Millionäre und der Millionen in Armut gemacht. Und dennoch wird das Credo des Neoliberalismus »Jeder ist seines Glückes Schmied« weiterhin von den Regierenden und Wirtschaftseliten gepredigt. Dabei ist längst offensichtlich, dass in diesem Land nicht jede und jeder die gleichen Möglichkeiten hat. Bei den Aufstiegschancen liegt Deutschland laut OECD weit hinten in Europa auf Platz 21. Doch nicht nur das. Viele haben die Sorge, dass es für ihre Kinder und Enkel nicht besser, sondern eher schlechter wird.

Unser Bundestagswahlprogramm zeigt klar: DIE LINKE will diese Entwicklung nicht hinnehmen. Wir labern nicht herum, sondern setzen uns dafür ein, dass der wachsende Reichtum endlich allen zu Gute kommt – und nicht weiter in Waffen, Klimakiller und Finanzspekulationen gesteckt, sondern dort eingesetzt wird, wo es den Menschen nützt: in Bildung, in Wohnen, in Gesundheit, in gute Arbeit und ökologische Modernisierung, in Frieden und echte Entwicklungszusammenarbeit.

Deshalb stecken wir den Kopf auch nicht in den Sand. Denn es gibt Hoffnung. Gerade die junge Generation ist es, die nicht länger zusehen will, wie diese Welt vor die Hunde geht. Die sich gegen Lohnkürzungen wehrt, die sich Rassisten und Menschenfeinden entgegenstellt und Geflüchteten den Start in diesem Land erleichtert. Diese Generation stellt zunehmend Ansprüche an ein gutes Leben. Für sich selbst und andere.

Und sie weiß, dass zu einem guten Leben schlicht und einfach auch eines dazu gehört: Zeit. Zeit zum Leben jenseits des Hamsterrades. Offenbar hat sich bei immer mehr jungen Menschen herum gesprochen, dass es sich nicht lohnt, das eigene Leben auf dem Altar der Standortkonkurrenz zu opfern. Zu unseren Alternativen für ein gutes Leben gehört deshalb unbedingt der Kampf um Arbeitszeitverkürzung und um Zeitsouveränität für alle.

Doch das allein reicht nicht. Wir müssen nicht nur über die Verteilung von Zeit, sondern auch über eine ganz neue Verteilung von Arbeit nachdenken, auch zwischen den Geschlechtern. Frauen leisten heute im Durchschnitt immer noch doppelt so viel unbezahlte Arbeit in Pflege und Erziehung wie Männer. Dabei wollen viele Frauen aktive Elternschaft und beruflichen Erfolg ganz selbstverständlich verbinden. Gleichzeitig wünschen sich viele Väter aus tiefstem Herzen mehr Zeit für die Familie. Eine Arbeitswelt, die die Menschen zwingt, den Lebensabschnitt, in dem sie ihre Kinder aufwachsen sehen, auf der ständigen Überholspur zu absolvieren, versündigt sich an den Familien. Deshalb muss die Arbeitswoche der Zukunft um die 30 Stunden kreisen. Alle arbeiten weniger im Job, dafür gibt es Erwerbsarbeit für alle, die wollen, plus mehr Zeit für Familie, für Freunde, für politisches Engagement und ja, auch für Muße.

Über die allgemeine Arbeitszeitverkürzung hinaus, muss es individuelle Modelle für Zeitsouveränität geben. Als LINKE wollen wir das Recht auf Sabbaticals, auf Auszeiten, auf längere Mußezeiten stärken. Jede und jeder soll das Recht auf mindestens zwei Sabbathjahre haben.

Denn mehr Zeit für den Einzelnen stärkt auch die Demokratie. In einer Demokratie muss jede und jeder die Möglichkeit haben, sich politisch einzumischen. Es tut der Demokratie nicht gut, wenn sie allein in den Händen von Berufspolitikerinnen liegt. Das setzt aber sowohl ein Mindestmaß an materieller Absicherung für alle voraus als auch ein Mindestmaß an Zeit für politisches Engagement. Oder um es mit anderen Worten zu sagen: Beim Thema Arbeitszeitverkürzung geht es sowohl um Zeit dafür, die Welt kennenzulernen als auch um Zeit, sie zu verändern. Wie heißt es so treffend im dem Brecht‘schen Theaterstück »Die Maßnahme«: »Ändere die Welt, sie braucht es.« 

Zurück zur Übersicht