Diese Website verwendet Cookies. Warum wir Cookies einsetzen und wie Sie diese deaktivieren können, erfahren Sie unter Datenschutz
Zum Hauptinhalt springen

Stefan Bollinger

1918 - unsere Revolution?

1918–2018: Vor kurzem noch die »vergessene Revolution«, nehmen sich heute selbst Stadtväter sozial- oder christdemokratisch regierter Städte ihrer mit anspruchsvollen Projekten an. Berlin organisiert gar einen Themenwinter »100 Jahre Revolution«. Das Herz der Linken müsste also höher schlagen angesichts solcher Zuwendung. Und doch sollten sie stutzen ob dieser neuen Liebe für jene glorreichen, zerrissenen und auch tödlichen Tage. Unstrittig ist, dass Anfang November die Matrosen an der Waterkant nicht bereit waren, für die »Ehre« ihrer Admirale zu sterben. Seit September 1918 war der Obersten Heeresleitung klar: Der Krieg ist verloren! Sie wollten baldigst Frieden und suchten die Schuld auf andere abzuladen. Rasch sollten Zivilisten um Frieden bei der Entente nachsuchen und es sollte jenen die Regierung in die Hand gegeben werden, die Militärs und alte Eliten für schuldig hielten an dem vermeintlich mangelnden Rückhalt der Heimat. Eine »Dolchstoßlegende« ward geboren.

Im Oktober wurde fieberhaft an einer Parlamentarisierung gearbeitet. Erstmals wurden Minister der Mehrheits-SPD (MSPD) in eine neue Regierung berufen, der Reichstag gewann an Macht, Deutschland wurde konstitutionelle Monarchie. »Oktoberreformen« sollten als »Revolution von oben« die Machtverhältnisse sichern. Der MSPD war es recht. Ihr Vorsitzender Friedrich Ebert hasste nach eigenem Bekunden die Revolution wie die Pest. Wie schon 1914 wollte diese Sozialdemokratie staatstragend in der Stunde der Not ihre vaterländische Pflicht erfüllen.

Diese friedliche Machtübertragung in den Hinterzimmern wurde von den meuternden Matrosen gestört. Sie forderten: Ende von Krieg und Militarismus, demokratische Reformen und soziale Verbesserungen. In manchen Resolutionen fanden sich offen sozialistische Ziele wieder – die Sozialisierung der Wirtschaft. Und sie hatten sich eine Alternative zum Reichstag und den Landtagen geschaffen – die Arbeiter- und Soldatenräte. Sie bauten auf Basisdemokratie, auf Menschen, die sie kannten und jederzeit abberufen konnten. Die deutsche Revolution war Teil einer europaweiten Erschütterung in den letzten beiden Kriegsjahren. Die Völker waren kriegsmüde, erschöpft, hungerten, waren es leid, als Kanonenfutter zu krepieren. Die russischen Revolutionen hatten 1917 das Signal gegeben. Das Volk konnte aufstehen, Soldaten die Gewehre umdrehen, Herrscher konnten gestürzt und demokratische Verhältnisse etabliert werden. Im Herbst 1918 erreichte der Funke des Aufruhrs Wien, Budapest und Prag.

Wer bestimmt den Weg der Revolution?

Die politischen Kräfte mussten sich neu orientieren. Die Linke war zerrissen. Die stärkste Kraft, die MSPD, wollte den friedlichen Übergang mit demokratischen Neuerungen und sozialen Verbesserungen – auf keinen Fall aber »bolschewistische Verhältnisse«. Die russische Revolution, die von den meisten Linken begrüßt wurde, war für die MSPD ein Horror. Links vor der MSPD agierte die USPD, die sich zur neuen Rätedemokratie bekannte, aber später auch mehrheitlich eine Nationalversammlung akzeptierte. Ihr radikaler Flügel um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg setzte allein auf die Rätemacht und erkannte früh, dass sich mit der MSPD wenig ändern würde.

Mit der Machtübertragung auf Ebert und den Rat der Volksbeauftragten begann der Kampf um Charakter und Reichweite der Revolution. Das neue Machtorgan unter Ebert, paritätisch zusammengesetzt aus je drei MSPD- und USPD-Vertretern, musste sich positionieren. Die neue Regierung – genauer ihr aktiver Kern um Ebert, Scheidemann und ihren zuverlässigen Genossen Gustav Noske – war gewillt, den macht- und Eigentumsverhältnisse bewahrenden Weg gegen das sonst unausweichliche »bolschewistische Chaos« einzuschlagen.

Früh besiegelten zwei zentrale Bündnisse das Schicksal der Revolution. Noch in der Nacht seiner Inamt­setzung telefonierte Ebert mit General Wilhelm Groener, dem Generalquartiermeister der Obersten Heeresleitung. Der Militär wollte Frieden um jeden Preis. Vor allem war er sich mit Ebert einig, dass ein linker Umsturz zu verhindern sei. Möglichst schnell sollten regierungstreue Truppen für »Ruhe und Ordnung« sorgen. Doch die heimkehrende Frontruppe mochte in einen Bürgerkrieg nicht eintreten. Erste Versuche, mit diesen Kräften im Dezember Friedhofsruhe herzustellen, scheiterten. Die »Blutige Weihnacht«, das heißt der Angriff regierungstreuer Truppen auf bewaffnete Kräfte der Revolution, scheiterte, nicht zuletzt an den mobilisierten Arbeitermassen. Dieser Angriff war aber die Zäsur dieser Revolution – an den wahren Macht- und Eigentumsverhältnissen sollte sich nichts ändern, dafür musste Blut vergossen werden. Bis Anfang 1919 gelang es, Schritt für Schritt neue militärische Formationen, die Freikorps, aufzubauen. Nicht wenige Ihrer Kämpfer hatten blutige Erfahrungen im Osten gesammelt. Mit diesen Erfahrungen sollte eine demokratische Republik etabliert werden?

Das zweite wichtige Bündnis schlossen die MSPD-nahen Gewerkschaften um Carl Legien mit den Unternehmerbänden unter ihrem Vorzeigekapitalisten Hugo Stinnes. Achtstundentag, betriebliche Mitbestimmung, Arbeitsplätze für Kriegsheimkehrer und weitere soziale Zugeständnisse waren der Preis für den Verzicht auf Sozialisierungen und Arbeitermacht in den Unternehmen. Die Konfliktlinien waren überschaubar: Ein demokratisches Reich mit sozialen Zugeständnissen, gekrönt von einer Nationalversammlung, die eine neue Reichsverfassung ausarbeiten sollte. Oder eine Rätedemokratie, in der zuallererst basisdemokratische Arbeiter- und Soldatenräte das Sagen haben sollten. Die politische Kraft, die die Arbeiter hinter sich bringen konnte, musste diesen Konflikt entscheiden. Das war die MSPD, jene Kraft, die 1914 für die Kriegskredite gestimmt hatte. Sie war stärkste Partei im Vorkriegsreich, blieb trotz Abspaltung der Kriegsgegner die am tiefsten in der Arbeiterschaft verwurzelte Kraft. Sie stand für bescheidene, aber stetige soziale Verbesserungen, hatte sichtbar Respekt bei den alten Eliten und besaß einen Apparat bezahlter und unbezahlter Funktionäre, Partei- und Abgeordnetenbüros, Presseorgane, um Anhänger und Sympathisanten zu erreichen. Nur keine Experimente. Der Vorwurf des Verrats muss an den MSPD-Führern abperlen, sie konnten nichts verraten, was bereits die Vorkriegs-SPD aufgegeben hatte. Es war eine Partei, die nicht die alten Militärs, Richter und Bürokraten zum Teufel jagte, sondern sie für die Republik verpflichtete.

Revolution oder Reparatur?

Die radikale Linke um Liebknecht und Luxemburg war vergleichsweise schwach, die meisten ihrer Köpfe saßen bis November im Gefängnis oder waren an der Front. Sie war zwar lautstark, hatte Presseorgane und konnte auf der Straße mobilisieren – aber nur in wenigen Zentren wie Berlin oder dem Ruhrgebiet. Zu spät versuchten sie es mit einer neuen Partei, der KPD. Sie hatten die radikalsten Forderungen, meinten es ernst mit der sozialistischen Republik. Deshalb gerieten sie vom ersten Tag ins Visier der Volksbeauftragten und ihrer militärischen, terroristischen Verbündeten. Deshalb hatte die vom Kapital finanzierte und von der neuen Regierung akzeptierte »Antibolschewistische Liga« ihr klares Feindbild, Bolschewiken in Moskau und Berlin, »jüdisch-bolschewistische Verschwörer«. Sie fand geistesverwandte Unterstützer im MSPD-Lager, in deren Presse und vor allem im Volksbeauftragten und Reichswehrministers Noske, der den Freikorps freie Hand ließ.

1918 gab es eine Chance, Massen handelten spontan, eine einige Linke hätte Deutschland verändern können – zum Besseren. So folgte auf die halbe Revolution eine ganze Konterrevolution: 1933 und 1939, die Revanche für den Umsturz und die militärische Niederlage. Was bleibt, ist die Erfahrung des Aufbegehrens und eine zerbrechliche Demokratie, die heute wieder verteidigt werden muss. 

Dr. Stefan Bollinger, Mitglied der Historischen Kommission beim Parteivorstand der Partei Die Linke.

Sein neuesten Buch zum Thema: Stefan Bollinger: November 18.
Als die Revolution nach Deutschland kam. Edition Ost Berlin 2018, 256 S., 14,99 Euro

Zurück zur Übersicht