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Sahra Wagenknecht

Ungleichheit der Einkommen so hoch wie vor 100 Jahren

Vor einhundert Jahren, am 12. November 1918, wurde in Deutschland das Frauenwahlrecht ausgerufen. Den Weg bereitete die deutsche Novemberrevolution, die zehn Tage zuvor in Kiel unter der Losung »Frieden und Brot« begann. Auch einhundert Jahre danach gilt es für Linke, den Kampf um die Gleichstellung der Frauen als Teil des Kampfes gegen die soziale Ungleichheit zu führen.

Denn nicht nur das Frauenwahlrecht jährt sich in 2018. Auch die Einkommensungleichheit ist in Deutschland heute wieder so groß wie vor hundert Jahren, wie der »Weltreport über Ungleichheit « kürzlich feststellte. Besonders betroffen davon sind auch heute Frauen: Sie erhalten doppelt so häufig Niedriglöhne wie Männer, die Kluft ist in Deutschland so groß wie fast nirgendwo sonst in Europa.

Was dies im Alltag bedeutet, kann man erfahren, wenn man sich mit unserer Genossin Petra Vogel aus Bochum unterhält. Petra arbeitet als Gebäudereinigerin in Bochum, ein Fernsehauftritt während des Bundestagswahlkampfes machte sie deutschlandweit bekannt. Im »ZDF-Klartext « konfrontierte sie Angela Merkel mit den Armutsrenten in Deutschland und ließ sie sprachlos zurück.

Wenn Petra von sich und ihren Kolleginnen spricht, wird schnell klar, was schief läuft. Harte Arbeit für einen Hungerlohn ist der Alltag der Reinigungskräfte. In rund zehn Minuten müssen sie ein komplettes Krankenhauszimmer putzen. Für ein Badezimmer mit Spiegel, Waschbecken, Tür, Toilette und Kacheln sind maximal vier Minuten vorgesehen. Die Hetze ist kein Zufall: Die Reinigungsunternehmen verlangen seit Jahren von ihren Beschäftigten, schneller zu arbeiten.

Heute muss jede Gebäudereinigerin etwa doppelt so viel Fläche reinigen wie vor 30 Jahren, als Petra Vogel in der Branche anfing. Die Löhne dagegen sind lächerlich niedrig. Selbst als Vollzeitkraft gehen die meisten mit 1.050 Euro nach Hause. Die zahlreichen Teilzeitkräfte bekommen höchstens 650 Euro und müssen oft aufstocken. Der Lohn für ihre harte Arbeit liegt unwesentlich über dem gesetzlichen Existenzminimum.

Wenn einer alleinerziehenden Kollegin dann beispielsweise der Herd kaputt geht, steckt sie sofort in einem Dilemma: Sie kann ihren Kindern schließlich nicht nur Butterbrote zu den Mahlzeiten anbieten, aber einen neuen Herd leisten kann sie sich auch nicht. Mit einem befristeten Vertrag bekommen diese Frauen oft nicht einmal einen Kredit für eine solche Anschaffung. Auch aus dem Sozialleben bleiben viele Frauen mit diesen Löhnen ausgeschlossen.

Als Petra vor Jahren mit Kolleginnen eine Kegelgruppe gründete, stiegen schnell die ersten wieder aus. Zehn Euro und zwei Getränke im Lokal waren selbst einmal im Monat nicht drin. Und dieses Leben wird auch nach der Erwerbszeit weitergehen. Wenn Petra Vogel in Rente geht, hat sie 40 Jahre Vollzeit gearbeitet und bekommt dafür gerade 654 Euro. Sie weiß jetzt schon, dass sie dann aufstocken muss.

 Viele ihrer Kolleginnen werden außerdem nicht bis zum gesetzlichen Rentenalter arbeiten können. Die harte körperliche Arbeit, der Stress, die schweren Wäsche- und Müllsäcke führen oft zu Rückenproblemen und Knieschmerzen. Ab Mitte 50 sind viele angeschlagen, kaum jemand wird bis zum Alter von 67 im Betrieb bleiben können.

Die Kanzlerin hatte dazu im ZDF-Klartext keine Antworten. Petra sieht das so: Sie und ihre Kolleginnen werden ein Leben lang dafür bestraft, dass sie in unserem Gesundheitssystem für Sauberkeit sorgen.

Wenn wir als LINKE auch bei Themen wie Gleichberechtigung und Feminismus die Menschen besser erreichen wollen, dann sollten wir Frauen wie Petra mehr zuhören. Ich denke, »Frieden und Brot« bleiben auch 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts Kernforderungen der Linken.

Sahra Wagenknecht ist Co-Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag