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Disput

Aprilthesen

Von Ronald Friedmann

Am 16. April 1917 kehrte Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, nach zehnjährigem Exil nach Russland zurück, wo wenige Wochen zuvor eine Revolution das jahrhundertealte Zarenregime hinweggefegt hatte.

Die Reise selbst war ein höchst abenteuerliches Unterfangen gewesen und begründete in gewissen Kreisen den Ruf Lenins, lediglich ein »deutscher Agent« gewesen zu sein: Am 9. April 1917 hatten Lenin, seine Frau und einige enge Vertraute, unter ihnen Karl Radek und Grigori Sinowjew, in Zürich einen Eisenbahnwaggon bezogen. Er war – entgegen der Legende – zwar nicht verplombt. Aber während der einwöchigen Reise durfte keiner ihn verlassen. Im Gegenzug blieben die Reisenden von allen Kontrollen durch Polizei oder Zoll entlang der gesamten Reisestrecke durch Deutschland und Skandinavien verschont. Winston Churchill verstieg sich in späteren Jahren zu der Behauptung, Lenin sei seinerzeit wie ein »Pestbazillus« transportiert worden.

Kein Frieden

Die deutsche Führung hatte diesem Verfahren, das von dem linken Schweizer Sozialdemokraten Fritz Platten ausgehandelt worden war, in der Hoffnung zugestimmt, dass die Anwesenheit Lenins in Russland zu einem baldigen Ausscheiden des vormaligen Zarenreiches aus dem Krieg führen werde. Sowohl die Provisorische Regierung Russlands als auch das Zentrale Exekutivkomitee der Sowjets, die als Zentren der politischen Macht eine »Doppelherrschaft« in Russland ausübten, hatten sich, wenn auch unter gegensätzlichen Vorzeichen, für eine Fortsetzung des Krieges ausgesprochen. Sie hatten damit eine zentrale Forderung der Aufständischen aus den Tagen der Februarrevolution verworfen – die sofortige und bedingungslose Beendigung des Krieges, ohne Annexionen und Reparationen.

Zur Begrüßung Lenins auf dem Finnländischen Bahnhof in Petrograd, dem späteren Leningrad und heutigen St. Petersburg, waren tausende Arbeiter und Soldaten erschienen. Auf einer improvisierten Kundgebung legte Lenin erstmals in der Öffentlichkeit seine Gedanken und Überlegungen über eine Weiterführung der Revolution dar. Am folgenden Tag sprach er im Palais Kschessinskaja, dem Hauptquartier der Bolschewiki, sowie im Taurischen Palais, seit der Februarrevolution Sitz des Petrograder Sowjets, wo Bolschewiki und Menschewiki zuvor gemeinsam getagt hatten.

Auch in diesen beiden Reden, die nur durch Mitschriften überliefert sind, sprach er »Über die Aufgaben des Proletariats in der gegenwärtigen Revolution«. Am 20. April 1917 veröffentlichte Lenin unter diesem Titel seine Überlegungen – die »Aprilthesen« – in der »Prawda«, der Tageszeitung der Bolschewiki. In einer kurzen Einleitung verwies er darauf, dass es sich um seine »persönlichen Thesen« handeln würde, um dann sofort zur Sache zu kommen: »In unserer Stellung zum Krieg, der von Seiten Rußlands auch unter der neuen Regierung [...] infolge des kapitalistischen Charakters dieser Regierung, unbedingt ein imperialistischer Raubkrieg bleibt, ist auch das kleinste Zugeständnis [...] unzulässig.« Es sei daher unmöglich, von einer »revolutionären Vaterlandsverteidigung« zu sprechen. Die »Beendigung des Krieges durch einen wahrhaften demokratischen Frieden« sei »ohne den Sturz des Kapitals unmöglich«. Und weiter: »Die Eigenart der gegenwärtigen Lage in Russland besteht in dem Übergang von der ersten Etappe der Revolution, die infolge des ungenügend entwickelten Klassenbewusstseins und der mangelhaften Organisiertheit des Proletariats die Bourgeoisie an die Macht brachte, zur zweiten Etappe, die die Macht in die Hände des Proletariats und der armen Schichten der Bauernschaft legen muss.«

Oktoberrevolution

Damit stellte Lenin sich klar gegen die Menschewiki, aber auch gegen die Bolschewiki, die die Provisorische Regierung nur »kontrollieren« und im Verlauf der bürgerlichen Revolution für »möglichst viel Demokratie des Volkes« streiten wollten. Doch Lenin setzte sich in den folgenden Wochen und Monaten mit seiner Auffassung durch.

Im Ergebnis der Oktoberrevolution übernahmen die Bolschewiki sechs Monate später die Macht in Russland. Lenins Vorstellungen, »dass wir durch unmittelbare Befehle des proletarischen Staates die staatliche Produktion und die staatliche Verteilung der Güter in einem kleinbäuerlichen Land kommunistisch regeln könnten «, so Lenin 1921, erfüllten sich allerdings nicht. Recht behielt dagegen ein Arbeiter, der nach der Rede Lenins am 17. April 1917 erklärt hatte: »Wenn man den Weg Lenins beschreitet, werden wir nicht nur den Sozialismus, sondern auch die bürgerlichen Freiheiten zugrunde richten.«