Disput

Spielplanänderung

Feuilleton

Von Jens Jansen

Die Theater machen bald Pause. Da ist Zeit, den Spielplan zu diskutieren.

Auf der politischen Bühne der Bundesrepublik üben derzeit alle Hauptdarsteller den Rückwärtssalto. Die CDU annuliert ihren Bonus für Kernkraftwerke. Die SPD spannt ein Netz für die Hartz-IV-Opfer. Die FDP begräbt ihre Pläne zur Steuersenkung. DIE LINKE prüft die Verlängerung der Lebensarbeitszeit – aber nur verbal bei Oskar Lafontaine. Die CSU plant die Aufstockung der Alpen, um afrikanische Einwanderer abzuschrecken. Jeder Rückwärtssalto verlangt eine unerhörte Beweglichkeit. Das klappt am besten ohne Rückgrat.

Zugleich sind die Maskenbildner der Parteien dabei, die Schminke zu wechseln. Die schwarze Union erscheint nun mit grünem Antlitz. Die gelbe FDP macht sich zum roten Anwalt der Erwerbslosen. Die blassrote SPD zeigt olivgrüne Flecken für die Abenteuerreisen der Bundeswehr. Das alles macht die dunkelrote LINKE etwas ratlos. Sie sucht eindeutige Kennfarben, nachdem ihr alle traditionellen Pigmente von der Konkurrenz geklaut wurden.

So wissen nun viele Zuschauer nicht mehr, was in diesem Theater gespielt wird, welches Programm sie wählen sollen. Die meisten wollen überhaupt nicht mehr wählen. Wenn doch, keine Politiker, nur richtige Schauspieler.

Die Politik ist eine Bühne, auf der es mehr Souffleure als Darsteller gibt. Da gibt es Haupt- und Kleindarsteller, Rampensäue und Hinterbänkler, Charakterdarsteller und Knattermimen. Die sieht man auf Probebühnen, Generalproben und Auslandsgastspielen. Man veranstaltet große und kleine Anfragen, erste und letzte Gesetzeslesungen, Bundestagswahlen, Landtagswahlen oder Kommunalwahlen. Und wenn die Innenpolitik erkrankt ist, hat die Außenpolitik Schuld. Die Dollarkrise der USA regnet rein und die Kernschmelze in Japan erhitzt die Klimaanlage. Das hilft der Wanderbühne der Grünen. Die haben 30 Jahre bis zur Premiere »Das grüne Ungeheuer« in Stuttgart geprobt. Da hat DIE LINKE noch 27 Jahre Zeit, »Kabale und Liebe« zu inszenieren. Inzwischen spielen die Anderen weiter »Biedermann und Brandstifter«.

Aber nun häufen sich die Buhrufe aus dem Saal. Da sitzen die »Wutbürger«. Die wollen sich von diesen Darstellern nicht mehr diktieren lassen, was hier gespielt wird. Doch diese »Wutbürger« teilen sich zur Gala-Vorstellung am Wahltag in Stammwähler, Protestwähler, Wechselwähler und Nichtwähler. Die wären eigentlich alle ein Fanclub für das Ensemble der LINKEN. Aber wenn die bezahlten Kritiker täglich sagen: »Links ist Pfui!« und DIE LINKE selber gar nichts sagt oder nur alle vier Wochen den Sprechchor übt: »Jetzt geht’s los!«, dann ist das keine wirkliche Hoffnung. Da wendet sich das Publikum enttäuscht ab.

Das beliebte Stück »Der Wundertäter« ist ja auch längst vom Spielplan. Die Wirklichkeit ist viel zu komplex. Die Finanzkrise ist eine Weltkrise, da muss die Weltbank mitspielen. Die Auslandsgefechte der Bundeswehr sollen »bewaffnete Entwicklungshilfe« sein, das verlangt UNO-»Grünhelme« als Akteure. Das Gespenst der Arbeitslosigkeit in der Bühnenmitte schaffte Ex-Minister Brüderle mit dem Statistischen Bundesamt beiseite. Da hilft der »Pillenknick«, denn die deutsche Familie begnügt sich mit 1,2 Kindern, davon sind 0,6 männlich. So brauchen nur zwei Familien eine Lehrstelle oder einen Billigjob. Und da nur ein Drittel der Mütter eine Kita findet, haben zwei Drittel der Mütter zu Hause ihren Vollzeitjob. Ob die wachsende Armut gesehen wird, hängt von der Beleuchtung der Bühne ab. Die ganze Schauspielkunst der Regierenden wird gemessen am Beifall der Konzerne und Banken.

Das bleibt die Chance der LINKEN. Sie sind die einzige Truppe, die aus den Logen der Superreichen keine Blumen bekommt. Weil sie schon immer gewarnt hat: Krieg schafft keinen Frieden! Weil sie schon grün war, als die Grünen noch nicht geboren waren. Weil sie Ganztagsschulen allemal nützlicher fand als Eliteschulen. Weil sie den Frauen gleichen Lohn und gleiche Mitsprache verschaffen will und Lohndumping verurteilt. Das Programm der LINKEN entspricht den Interessen der Mehrheit des Publikums. Drum tun die Regisseure hinter den Kulissen alles, um durch falsche Stimmungen die richtigen Abstimmungen zu verhindern. Mehr Realismus kommt also nur auf die Bretter, wenn die LINKEN mehr Platz auf der Bühne, mehr Mitsprache in der Regie und mehr Resonanz im Parkett und in der Presse erhalten. Die Zuschauer wollen die Darsteller an ihrer Seite spüren, jeden Tag und überall! So ließe sich dem Publikum auch erklären, warum es nicht um mehr und billigere Karten geht, sondern um die Spielplanänderung!