25. Dezember 2008

Reflexionen zum Rechtsextremismus in Ostdeutschland?

Johanna Engelbrecht, Rechtsextremismus bei ostdeutschen Jugendlichen vor und nach der Wende, Peter Lang – Internationaler Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main 2008 (Res humanae. Arbeiten für die Pädagogik, hrsg. v. Hans-Joachim Plewig, Helmut Richter u. Horst Scarbath), 188 Seiten, 39 Euro.

Das 2008 erschienene Buch von Johanna Engelbrecht "Rechtsextremismus bei ostdeutschen Jugendlichen vor und nach der Wende" ist vor allem für Pädagogen bestimmt. Es gliedert sich in elf Kapitel, von Begriffsdefinitionen bis hin zu der Frage, was man gegen Einfluss und Verbreitung des gegenwärtigen Rechtsextremismus unternehmen könnte. Dabei dienen die recht oberflächlich geratenen Kapitel zur Geschichte der DDR und der FDJ nur bedingt zur Klärung der im Buch aufgeworfenen Probleme.

Entstanden ist die Publikation aus einer Abschlussarbeit an der Leuphana-Universität in Lüneburg, ihr Niveau überschreitet nicht das Niveau eines mittelmäßigen Seminarreferates. Inhaltlich werden bis auf einige Passagen zu den Erklärungsansätzen des heutigen Rechtsextremismus kaum neue Erkenntnisse geboten und seit langem bekannte fragwürdige Behauptungen wiederholt.

Zumeist kommentiert die Autorin nur aus der umfangreich genutzten Sekundärliteratur bereits seit längerem bekannte Fakten und Analysen. Außer einigen Leipziger Publikationen werden Forschungen zum Rechtsextremismus aus den neuen Bundesländern kaum genutzt und auch nicht im umfangreichen Literaturverzeichnis aufgeführt. Theoretisch stützt sich Johanna Engelbrecht auf die Veröffentlichungen von Wilhelm Heitmeyer und im Schlussteil auf die Arbeiten von Franz Josef Krafeld.

Der Schlüsselbegriff der Verfasserin für ihre Analyse des Rechtsextremismus in der DDR ist das dogmatisch-simple Axiom vom Autoritarismus. Wie bei vielen anderen Autoren von links bis rechtskonservativ werden alle gesellschaftlichen Prozesse in der DDR recht unterschiedslos damit in Verbindung gebracht. Da gibt es pauschalisierend die "autoritäre Persönlichkeit", die "autoritäre Familie", die "autoritäre Erziehung" usw. Dabei sind die diesen Begriffen zugrunde gelegten Fakten empirisch kaum belegbar. Autoritarismus kann Rechtsextremismus begünstigen, muss es aber nicht. Dort, wo 1990/91 Untersuchungen in Ostdeutschland zu dieser Thematik vorgenommen wurden, unterschieden sich die Ergebnisse kaum von solchen in Westdeutschland. Viele seriöse Wissenschaftler, wie zum Beispiel Detlef Oesterreich, Walter Friedrich und Oskar Niedermeyer, lehnen deshalb die Kategorie "Autoritarismus" als verbindlichen Indikator für die gegenwärtige Rechtsextremismusforschung ab. Das Otto-Stammer-Institut der Freien Universität Berlin hat deshalb diesen Begriff aus seinem Kriterienkatalog zur Untersuchung des Rechtsextremismus herausgenommen.

In den einleitenden Teilen des Buches (S. 36ff.) kolportiert die Verfasserin viele der gängigen, simpel gestrickten Legenden zur Geschichte der DDR und zeichnet sich selbst durch eine diesbezüglich bemerkenswerte Unkenntnis aus. So ist für sie die SED schon seit 1946 eine kommunistische Partei, verkörpern die antifaschistischen Boden- und Industriereformen von 1945/46 in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone durchweg eine "Entmachtung des Besitzbürgertums", verlegt sie die Gründungsdaten der 1945/46 entstandenen Massenorganisationen FDGB und Kulturbund in das Jahr 1948 und der erste Ministerpräsident heißt bei ihr nicht Otto Grotewohl, sondern Walter Ulbricht. Unstimmig – um nicht zu sagen: unsinnig –  ist gleichfalls ihre Behauptung, dass erst in den siebziger Jahren Erich Honecker auf Druck der Bevölkerung wirtschaftliche Beziehungen zu den westlichen Industriestaaten knüpfte.

Der interessanteste Teil der vorliegenden Publikation sind die Kapitel zu den verschiedenen Theorien über die Ursachen des Rechtsextremismus in der DDR und den neuen Bundesländern. Eine zentrale Position nehmen dabei – wie schon erwähnt – die Aussagen des Bielefelder Soziologen und Jugendforschers Wilhelm Heitmeyer über Individualisierungstendenzen und die so genannten Modernisierungsverlierer ein. In diesem Kontext wird manches Zutreffende gesagt, , aber auch manches Fragwürdige, was von Johanna Engelbrechten kaum kritisch reflektiert wird.

Das Zweifelhafte trifft auch auf die Zustimmung der Verfasserin zu der abenteuerlichen "Töpchen-Theorie" des Hannoveraner Kriminologen Christian Pfeiffer zu (vgl. S. 132). Die vermeintlich wissenschaftlichen "Erkenntnis" dieses Professors, der die Ursachen des DDR-Rechtsextremismus in der Reinlichkeitserziehung in den ostdeutschen Kindergärten verortet, stieß von Rügen bis zum Thüringer Wald auf heftigen Widerspruch und – weitgehend unabhängig von den weltanschaulich-politischen Affinitäten der sich Äußernden – auf eine einhellige Ablehnung. Als einen wesentlichen Mangel bei der Suche nach den Ursachen für den Rechtsextremismus sieht der Rezensent in der Unterbelichtung, zum Teil sogar in der Ablehnung einer Analyse solcher wesentlichen sozialökonomischen Faktoren wie der Massenarbeitslosigkeit, wachsender Armut, der um sich greifenden Zukunftsängste sowie in der weitgehenden Negation von politischen und sozialen Alltagserfahrungen in den neuen Bundesländern. Für sehr fragwürdig halte ich in diesem Zusammenhang auch die vom Herausgeber Hans-Joachim Plewig im Vorwort umrissene Position, dass nicht etwa "Armut, Arbeitslosigkeit und Desintegration die wesentlichen Ursachen für Rechtsextremismus seien. Das ist empirisch falsch und politisch gefährlich." (S. 8)

Die Antworten der Autorin auf die Frage, was zur Zurückdrängung und Überwindung des Rechtsextremismus in den neuen Bundesländern getan werden könne, kreisen im Wesentlichen um die Theorie und Praxis der akzeptierenden Jugendarbeit des Bremer Wissenschaftlers Franz Josef Krafeld. Nach der "Wende" von 1989/90 führte deren Anwendung zu solchen überaus problematischen, ja unannehmbaren Erscheinungen, dass bekannte neonazistische Gewalttäter als staatsfinanzierte Betreuer bzw. Sozialarbeiter in neonazistischen Gruppen eingesetzt wurden. Bilanzierend kann man heute sagen, dass das Konzept der akzeptierenden Jugendarbeit in Ostdeutschland weitgehend gescheitert ist und deshalb nur noch von wenigen Politikern und Sozialbehörden bejaht wird.

Abschließend sei vermerkt, dass der Preis des Buches im Vergleich zu ähnlichen, meistens umfangreicheren Publikationen, und vor allem angesichts dessen, was inhaltlich geboten wird, mit 39 Euro bei weitem zu hoch bemessen ist.

Dr. sc. Norbert Madloch