18. Oktober 2008

NS-Verbrechen in Deutschland 1945

Ulrich Sander, Mörderisches Finale. NS-Verbrechen in Deutschland bei Kriegsende, PapyRossa Verlag, 2008, 192 Seiten.

Die Publikation bietet erstmalig eine zusammenfassende Dokumentation von Naziverbrechen, die am Ende des Zweiten Weltkrieges in Deutschland stattfanden. Von der fachhistorischen Wissenschaft gibt es bisher keinen Versuch einer Übersicht zu diesem Thema. Allein schon wegen des dürftigen Forschungsstandes kann auch die bei Ulrich Sander vorgelegte Dokumentation nur fragmentarisch sein. In sie sind frühere Darstellungen von Willi Herzog (Massenmorde im Rombergpark und in der Bittermark), Dirk Krüger (Massenmord in der Wenzelbergschlucht), Lore Junge (Verbrechen im Ruhrkessel), Regina Mentner (Stalag VI D Westfalenhalle Dortmund), Dieter Saal (Verbrechen in Südwestfalen), Wera Richter (Massenmord in Gardelegen), Karl Stankiewitz (Fall Penzberg), Ergebnisse von Recherchen des Autors, von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Internationalen Rombergparkkomitees, von VVN-BdA-Landesvereinigungen sowie weiterer Autoren eingeflossen. Das Publikationsprojekt entstand, wie es in einer Nachbemerkung von Gisa Marschefski (Internationales Rombergparkkomitee) im Buch heißt, als Ergebnis eines Treffens von Antifaschisten 2005 aus Anlass des 60. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus.

Das Buch enthält neben kursorischen Übersichten zu nazistischen Verbrechensfeldern – Erschießung von ungefähr 8.000 deutschen Soldaten als "Fahnenflüchtige" und Deserteure in den 1945er Kriegsmonaten; die Hinrichtungen von KZ-Insassen und Zwangsarbeitern in dieser Zeit; Todesmärsche aus den Konzentrationslagern in Richtung Westen und Norden;  Hinrichtungen in den Zuchthäusern und die Ermordung von Kriegsgefangenen – detaillierte Darstellungen einzelner faschistischer Mordaktionen. So zu dem Verbrechen in Isenschnibbe bei Gardelegen (Sachsen-Anhalt), wo am 13. April 1945 in einer Scheune 1.016 Menschen, KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter, darunter 63 jüdische Häftlinge, von NSDAP-Fanatikern  verbrannt oder auf der Flucht erschossen wurden. Zu den Ermordeten gehörten auch Hunderte Zwangsarbeiter des Konzerns der Industriellen-Familie Quandt (Varta, Altana, BMW). Nur einen Tag nach dem Massenmord rückte die US-amerikanische Armee in Gardelegen ein. Sie sorgte dafür, dass Einwohner von Gardelegen das Verbrechen zur Kenntnis nehmen müssen und die Opfer bestattet werden. Nebenbei bemerkt: Noch im April 1945 gab das Amerikanische Kriegsinformationsamt im Auftrag des Oberbefehlshabers der Alliierten Streitkräfte, General Dwight D. Eisenhower, einen Bildbericht über fünf Orte faschistischer Verbrechen heraus, darunter einen Bericht über den Massenmord in Isenschnibbe. Diese Broschüre zeigt erschütternde Bilder. Sie steht jetzt unter www.nrw.vvn-bda.de im Internet zur Verfügung.

Detaillierter gibt Sander Bericht vor allem über die Naziverbrechen im "Ruhrkessel". Grundsätzlich waren sie befohlen von Heinrich Himmler, dem Reichssicherheitshauptamt,, von dem SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei, Liessem, Höherer SS- und Polizeiführer West in den Gauen Düsseldorf, Essen, Köln-Aachen, Westfalen-Nord, Westfalen Süd und im Wehrkreis VI. In einer Gestapo-Anordnung vom 24. Januar 1945 an die Leiter der Staatspolizei(leit)stellen Düsseldorf, Münster, Dortmund und Köln heißt es: "Die gegenwärtige Gesamtlage wird Elemente unter den ausländischen Arbeitern und auch ehemalige deutsche Kommunisten veranlassen, sich umstürzlerisch zu betätigen… Es ist in allen sich zeigenden Fällen sofort und brutal zuzuschlagen. Die Betreffenden sind zu vernichten, ohne im formellen Weg vorher beim RSHA Sonderbehandlung zu beantragen." Verantwortlich für die Massenmordserie im "Ruhrkessel" waren auch der Oberbefehlshaber der Wehrmacht-West, Generalfeldmarschall Walter Model, und insbesondere Albert Hoffmann, NSDAP-Gauleiter Westfalen-Süd, SS-Brigadeführer, befehlsführender Reichsverteidigungskommissar West. Zu den Mordgewaltigen gehörten auch Konzernherren, wie Dr. Albert Vögler, Vereinigte Stahlwerke, der zum "Freundeskreis Heinrich Himmler" gehörte und im November 1932 die "Industrielleneingabe" an Reichspräsident Hindenburg unterschrieben hatte, im dieser gebeten worden war, Hitler zum Reichskanzler zu berufen, jetzt war er Staatsrat von Hitlers Gnaden und Herr über einen riesigen Rüstungskonzern, zu dem der Dortmund-Hörder Hüttenverein gehörte, ein Werk mit der größten Walzstraße Europas; sein "Asphaltierwerk II" – ein Tarnname – war eine Panzerschmiede. Das Zwangsarbeiter- und Gefangenenlager des Hörder Hüttenvereins wurde von Mitarbeitern des Konzerns geleitet, von Dr. Hans Bühler, Johann Preuss, Vollrath Hoeck und Emil Krause. Krause besaß einen SS-Rang und war Verbindungsmann zur Gestapo.  

Aus diesem Lager der Dortmunder Hörder Hüttenunion (später Hoesch, heute KruppThyssen) wurden im Rombergpark und in der Bittermark nahe Dortmund im März und April 1945 ungefähr 300 Menschen ungeheuer grausam ermordet, darunter vor allem russische Zwangsarbeiter, Juden und deutsche Antifaschisten.

Am 12. April 1945 holte die Gestapo 12 Gefangene aus Gefängnissen in Hagen ab, fesselte sie mit Stacheldraht und erschoss sie im Donnerkuhler Wald bei Hagen. Am 13. April 1945 wurden in der Wenzelnbergschlucht bei Solingen 71 antifaschistische Widerstandskämpfer aus dem Zuchthaus Lüttringhausen von Gestapo-Mördern durch Genickschuss ermordet.

Die Mörder und ihre Auftraggeber wurden entweder nie zu Verantwortung gezogen oder kamen mit skandalös niedrigen Strafen, die fast immer nicht einmal voll verbüßt wurden, davon. Im Buch ist das insbesondere am Rombergparkprozess von 1952 dargestellt.  

Die vom Autor geschilderten Naziverbrechen müssen beim Leser natürlich Qualen auslösen, aber Ulrich Sanders Darstellungsweise drückt den Leser nicht herab. Sanders Stil zeichnet sich aus durch einen sachlichen Ton auch im Abscheu vor den faschistischen Mördern und Schindern, er ist präzis, niemals schwülstig. Sanders Sprache ist feinfühlig bei der Beschreibung der geschundenen Menschen. In den kurzen Porträts von Ermordeten erweist sich Sander als achtungsvoller Chronist antifaschistischen Widerstandes.  

Der Autor bleibt bei der Darstellung der Verbrechen stets konkret-historisch. Er fragt nach den Ursachen für dieses mörderische Finale. Bei der Erklärung flüchtet er sich nicht in schlecht-abstrakte Formeln wie "Zeitalter der entgrenzten Gewalt" oder gar "Hitler war`s". Er zeichnet klar das Gesamtgefüge und die Motive des faschistischen Mordsystems der "letzten Stunde": Sicherung der Grundlagen des Monopolkapitals für die Zeit "nach Hitler", Vernichtung jeder demokratischen Opposition und insbesondere der Kommunisten, hemmungsloser Rassismus bis zuletzt, dem vor allem Juden, Slawen sowie Sinti und Roma zum Opfer fielen.

Es sei hier hinzugefügt: Den Massenmorden innerhalb Deutschlands gegen Ende des Weltkrieges ging in der Sowjetunion mit dem Ende der deutschen Herrschaft eine nochmalige Aufgipfelung der Vernichtung voran, wie in der kürzlich veröffentlichten Studie "Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militärbeatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941-1944" von Dieter Pohl nachgewiesen wird. Und hier waren Millionen Menschen dem Kriegsterror zum Opfer gefallen. Pohl nennt als gravierende Ursachen der Vernichtung die rücksichtslose ökonomische Ausbeutung von Bevölkerung und Ressourcen der besetzten Gebiete sowie die Sicherung militärischer Operationen. Mit der Wehrmacht herrschte eine Unterwerfungs-, Ausbeutungs- und Vernichtungspolitik. Die Bevölkerung wurde ethnisch-rassistisch klassifiziert: "gegen Russen ging man brutaler vor als gegen Teile der Bevölkerung in den Randgebieten der Sowjetunion (Baltikum, beziehungsweise Kaukasus). Juden und Kommunisten galten faktisch als vogelfrei." Und auch er stellt fest, dass die meisten der für die deutsche Besatzungsherrschaft in Planung und Durchführung Verantwortlichen nie zur Rechenschaft gezogen wurden.

Speziell für die Situation des "Nationalsozialismus" kurz vor und nach dem 8. Mai 1945 enthält die Publikation "Mörderisches Finale" am Schluss – als Kommentar eines Historikers – einen Auszug aus dem Werk von Reinhard Opitz "Faschismus und Neofaschismus" (1984). Sein Resümee: "Der fortgesetzte Massenvernichtungswahnsinn des Jahres 1944 und der militärische Durchhaltewahnsinn des Jahres 1945 hatten in bezug auf das Ziel, Hitler an der Macht zu halten, also tatsächlich keine ‚Rationalität’, sie entsprangen beide der imperialistischen Rationalität – schon des nächsten Krieges." Eine notwendige Nachbemerkung zu dieser Rezension: Der Autor des rezensierten Buches, Ulrich Sander, ist einer der Bundessprecher der VVN-BdA. Seit Jahren engagiert er sich dafür, dass Verantwortliche für Verbrechen der faschistischen deutschen Gebirgsjäger zur Rechenschaft gezogen werden.1 Doch "Gebirgsjäger" und "Unbekannt" verfolgen und terrorisieren Sander. Im Jahr 2003 taucht in Sachen Gebirgsjäger ein gefälschtes Schreiben auf, das Ulrich Sander angelastet wird. Obwohl es offensichtlich ist, dass jenes Schreiben nicht von Sander stammt, verfolgt ihn die Dortmunder Justiz, es folgen Haussuchung und Beschlagnahmung seines PC. Sander musste lange kämpfen, um sein umfangreiches Arbeitsmaterial zurückzubekommen. Jetzt stellt der "Kameradenkreis Gebirgstruppe e.V." an Sander die Forderung, er solle ihn nicht in Verbindung mit der NS-Wehrmacht und ihren Kriegsverbrechern und Kriegsverbrechen bringen. Und diese Forderung wurde per Einstweiliger Verfügung vom Landgericht Nürnberg-Fürth am 2. Juli 2008 ausgesprochen, mit der Strafandrohung von 250.000 Euro bzw. 6  Monaten Haft. Es ist klar, dass sich Sander und VVN-BdA – trotz drohender hoher Prozesskosten – wehren werden. Ebenso klar sollte die Solidarität mit Ulrich Sander sein.   

Dr. Siegfried Ransch