Protestantische Kirche und Judenverfolgung im NS-Regime
Jüngst hat der Berliner Historiker Manfred Gailus zwei Sammelbände veröffentlicht, die sich mit der Geschichte der evangelischen Kirche in der Zeit des Faschismus befassen. Genauer gesagt: Während der eine Band die freiwillige Einbeziehung der Kirche als Institution in das Herrschaftssystem der Nazis am Beispiel der Auswertung von Kirchenbüchern für die Ausstellung von "Ariernachweisen" behandelt, bekommen die Leserinnen und Leser in der anderen Publikation die Biographie einer leider weithin vergessenen, überaus mutigen und weitsichtigen Frau geboten, die als Mitglied der Bekennenden Kirche für ein öffentliches, ganz unmissverständliches Wort ihrer Kirche gegen die Verfolgung der Juden stritt und selbst den Bedrängten half, wo immer sie es konnte.
Kirchenbücher, "Ariernachweise" und die willfährigen Helfer der Kirche
Zu den düstersten Kapiteln im Verhältnis der evangelischen Kirche zum deutschen Faschismus gehört ihre aktive Rolle bei der Durchsetzung der judenfeindlichen Gesetzgebung, insbesondere der "Nürnberger Gesetze" von 1935. Die den Verfolgungsbürokratien des NS-Staates dabei gewährte "Amtshilfe" ist das Thema eines vom Berliner Historiker Manfred Gailus herausgegebenen Sammelbandes. In den hier vereinten Beiträgen wird die systematische Auswertung der Kirchenbücher in Berlin, Thüringen, Mecklenburg, Schleswig-Holstein und Hannover analysiert, mit deren Hilfe die Namen so genannter rassefremder Personen identifiziert wurden.
Diese Arbeiten stellten einen wesentlichen und hoch willkommenen Beitrag für den antijüdischen Terror der Nazis dar. Schließlich ging es ihnen darum, auch den letzten Einwohner Deutschlands zu ermitteln, der vielleicht einen jüdischen Vorfahren hatte. Die seit Jahrhunderten geführten Kirchenbücher mit ihren Angaben über Taufen, Eheschließungen und Todesfälle stellten dabei eine unverzichtbare Quelle dar. In aller Regel waren die evangelischen Landeskirchen und auch viele Gemeinden willige Zuträger, die gern und manchmal in vorauseilendem Gehorsam ihre Dienstleistungen den NS-Behörden zur Verfügung stellten.
Der "Völkische Beobachter" schrieb erfreut im Dezember 1936 über die Tätigkeit der Kirchenbuchstelle Alt-Berlin, in der Dutzende Mitarbeiter tätig waren: "In einer besonderen Abteilung sind alle Judentaufen von 1800 bis 1936, die in Berlin stattfanden, zusammengetragen. Hier werden täglich drei, vier Fälle einer nicht-arischen Abstammung aufgedeckt." (S. 88) Die Folgen dieser "Aufdeckung" bestanden in der Anlage einer "Judenkartei" und in der Denunziation der betreffenden Personen bzw. ihrer Nachfahren. Der Leiter der "Kirchenbuchstelle Alt-Berlin", Pfarrer Dr. Karl Themel(1), teilte seinem Konsistorium in einem Schreiben vom 5. Oktober 1938 mit, er habe bereits dem Reichsführer SS, Heinrich Himmler, dem Polizeipräsidenten in Berlin und diversen Gauleitungen der NSDAP mit Informationen geholfen. Dass diese Informationen zu nichts anderem dienten, als Juden und – wie die Nazis es nannten – "Judenstämmlinge" zu diskriminieren und zu verfolgen, dürfte weder dem seit 1932 der SA und der NSDAP angehörenden Themel noch den anderen Pfarrern und Kirchenmitarbeitern verborgen geblieben sein, die willig ihre Arbeitskraft der Auswertung ihrer Kirchenbücher widmeten.
Von welchen Motiven ließen sie sich leiten? Waren es Opportunismus und Wichtigtuerei –oder lagen die Dinge doch etwas anders? Manfred Gailus sieht die Übereinstimmung in der "Rassenfrage" zwischen evangelischer Kirche und dem Nazi-Regime als Ursache dieser "kirchlichen Amtshilfe". "Sie taten dies als freiwillige Vorleistung für den NS-Staat, weil sie über die ‚Rassenfrage’ auch so oder ähnlich dachten wie er. Sie taten dies auch in dem Glauben, dadurch ihre Legitimation als wichtige staatstragende Institution im ‚Dritten Reich’ unter Beweis zu stellen." (S. 12)
Die vor allem aus den Akten diverser Kirchenarchive rekonstruierten Belege für die Richtigkeit dieser Annahme sind überzeugend. Die zitierten Passagen aus Kirchenzeitungen, Briefen und Berichten an die Konsistorien hätten tatsächlich so und nicht anders auch im "Angriff" oder dem "Stürmer" veröffentlicht werden können. Als Beispiel sei aus einem Bericht des Pastors Edmund Albrecht zitiert, den dieser als "Leiter der Mecklenburgischen Sippenkanzlei" im Mai 1934 an seine kirchlichen Vorgesetzten sandte: Der tiefere Sinn der systematischen Auswertung der Kirchenbücher sei, "ein möglichst umfangreiches Material über den deutschblütigen, d.h. artgemäßen Aufbau und Bestand der deutschen Bevölkerung zu gewinnen und diesen deutschblütigen Aufbau für die Zukunft nach Möglichkeit sicherzustellen." (S. 57) Und im August 1936 publizierte derselbe Autor in der Zeitschrift "Sippenforscher" einen Beitrag, in dem er hervorhob: "Die vergilbten Blätter (der Kirchenbücher-R.Z.) bestätigen der deutschen Nation aufs eindrücklichste die unbedingte Notwendigkeit der Nürnberger Gesetze. Wie außerordentlich dankbar wir unserm Führer für diese Tat sein müssen, vermag wohl nicht zuletzt der Sippenforscher zu entscheiden." (S. 69f.)
Natürlich spielte bei alledem eine Rolle, dass die evangelische Kirche traditionell nationalistisch und reaktionär ausgerichtet war und seit dem Ende des 19. Jahrhunderts eine wesentliche Rolle bei der Entstehung und Verbreitung des modernen, "rassisch" argumentierenden Antisemitismus gespielt hatte. Die NSDAP hatte zudem bereits vor dem 30. Januar 1933 in manchen Landeskirchen und Gemeinden einflussreiche Positionen gewinnen können. Insofern geschah die "Amtshilfe" für die Behörden des NS-Staates nicht voraussetzungslos, sondern erscheint als logische Konsequenz der kirchenpolitischen Entwicklungen. Besonders niederschmetternd ist allerdings die Erkenntnis, dass auch Pfarrer und Kirchenmitarbeiter, die der Bekennenden Kirche angehörten, sich in der Regel nicht verweigerten, wenn von der Gestapo oder anderen Behörden Auskünfte über die Abstammung von Gläubigen gefordert wurden: "Auch Bekenntnispfarrer schrieben und stempelten die kirchlichen Bescheinigungen, und sie zögerten nicht, diese oder jene jüdische Großmutter auf den Papieren sachlich korrekt zu vermerken oder einen jüdisch klingenden Vornamen unverändert so zu dokumentieren, wie er um 1850 oder früher gelautet haben mochte." (S. 17f.) Allerdings führten Angehörige der Bekennenden Kirchen keine eigenständigen Recherchen und "Forschungen" hinsichtlich der "Rassenzugehörigkeit" der in den Kirchenbüchern genannten Personen an.
Von großem Interesse ist auch die biographische Skizze über den Leiter der "Reichsstelle für Sippenforschung", den SS-Führer Dr. Kurt Mayer, "Sippen-Mayer" genannt (S. 195ff.)., der eine nicht unwesentliche Rolle bei der Ausstellung von "Ariernachweisen" spielte – insbesondere dann, wenn es sich um prominente Figuren des NS-Regimes wie z.B. Reinhard Heydrich handelte (vgl. S. 206).
Ein besonderer Vorzug der in diesem Band veröffentlichten Studien besteht darin, dass sie die Lebensläufe mancher Protagonisten "kirchlicher Amtshilfe" nicht mit dem Jahre 1945 enden lassen. So erfahren wir, dass der Leiter der "Kirchenbuchstelle Alt-Berlin", Pfarrer Themel, 1949 rehabilitiert wurde, da er sein Archivpflegeramt trotz parteimäßiger Einstellung "sachlich und objektiv" ausgeübt habe. Nach seiner Emeritierung 1954 war er nebenamtlicher Sachbearbeiter für das Archiv- und Kirchenbuchwesen der Berliner evangelischen Kirche. Damit hatte er exklusiven Zugang zu allen kirchenhistorisch bedeutsamen Akten aus der NS-Zeit! Zu seinem 75. Geburtstag im Jahre 1965 erhielt er für seine "Verdienste" als Geschenk zehn Flachen Sekt und ein Buchpräsent vom evangelischen Konsistorium überreicht.
Das Kartell des Schweigens funktionierte innerhalb der evangelischen Kirche nicht nur in Berlin. Auch dies, so lautet ein wichtiges Resultat der Lektüre dieses Sammelbandes, bleibt noch zu tun: Die Aufarbeitung des Verhaltens der evangelischen Kirche nach 1945 mit ihren nicht wenigen Nazi-Tätern à la Karl Themel und Edmund Albrecht.
Denn dem Herausgeber Manfred Gailus ist zuzustimmen, wenn er schreibt: "Wer mit seiner Vergangenheit nicht im Reinen ist, kann nicht überzeugend kirchliche Zukunftsprojekte verkünden." (S. 21)
Insgesamt bereichert dieser Band unsere Kenntnisse über die beschämende Rolle, die große Teile der protestantischen Kirche im NS-Regime gespielt haben. Manches liest sich nicht ohne Beklemmungen und Scham. Bedauerlich ist, dass dem Band keine Bibliographie und neben dem vorhandenen Personen- kein Ortsregister angefügt wurde.
Dass es neben den Themels innerhalb der protestantischen Kirche – wenn auch leider nur vereinzelt – Persönlichkeiten gab, die ihr Christentum nicht den verbrecherischen Zwecken des Nazi-Regimes unterordneten, sondern auf vielfältige Weise Widerstand leisteten, beweist ein Buch zur Biographie von Elisabeth Schmitz.
Elisabeth Schmitz – eine vergessene Heldin der Bekennenden Kirche
Elisabeth Schmitz? Nie gehört! Dies war auch die Reaktion des Rezensenten, als er zum ersten Mal mit der faszinierenden Persönlichkeit dieser Historikerin, Gymnasiallehrerin und mutigen Angehörigen der Bekennenden Kirche konfrontiert wurde. Selbst manchem Spezialisten für die Geschichte des Widerstandes gegen das Naziregime ist ihr Name kein Begriff. Dass sich dies allmählich zu ändern beginnt, darin besteht das Verdienst des Berliner Historikers Manfred Gailus. Jüngst hat er einen Sammelband herausgegeben, der die Beiträge einer Tagung der Evangelischen Akademie zu Berlin im Mai 2007 enthält, die dem Wirken von Elisabeth Schmitz gewidmet war.
Zunächst einige knappe biographische Angaben. Elisabeth Schmitz wurde am 23. August 1893 in Hanau geboren. Aufgewachsen in einem Lehrerhaushalt, studierte sie Evangelische Religion, Geschichte und Germanistik in Bonn und Berlin. Hier traf sie auf zwei Hochschullehrer, die sie wissenschaftlich wie als Persönlichkeit prägten: den protestantischen Theologen Adolf von Harnack und den Historiker Friedrich Meinecke. Beide zählten im späten Kaiserreich und in der Weimarer Republik, auch über die Grenzen Deutschlands hinausreichend, zu den am meisten angesehenen Vertretern ihres jeweiligen Faches.
Die junge Studentin wurde bald in den privaten Kreis der Gelehrten-Familie von Harnack aufgenommen, sie fand Aufnahme in das "Historische Seminar" Meineckes, einer Art von "Meisterklasse" für seine kreativsten Studenten, aber sie pflegte auch Beziehungen zu manch’ anderen intellektuellen Zirkeln Berlins. Elisabeth Schmitz wurde von Friedrich Meinecke zum Dr. phil. promoviert, erwarb das Staatsexamen und war seit 1929 als Studienrätin in Berlin tätig. Nach der Machtübernahme der Nazis machte sie keinen Hehl aus ihrer prinzipiellen Ablehnung der braunen Diktatur. Sie engagierte sich innerhalb der "Bekennenden Kirche", ohne nach außen besonders hervorzutreten.
Dort, wo es ihr möglich war, half sie mutig "rassisch" Verfolgten. So wohnte bei ihr seit dem 1. Oktober 1933 die "nichtarische" Ärztin Dr. Martha Kassel, die ihre Zulassung als "Kassenärztin" verloren hatte und Jahre später, im Dezember 1938, nach Argentinien emigrierte. Von 1939 bis 1943 fanden in ihrer Wohnung mehrfach Personen ein Obdach, die von den Nazis verfolgt wurden. Auch ihr im Jahre 1939 erworbenes Wochenendhäuschen in Wandlitz diente oft als Quartier für Menschen auf der Flucht, bis es im August 1943 beschlagnahmt wurde, um Obdachlose unterzubringen.
Neben ihrer mutigen Hilfe für Verfolgte ist Elisabeth Schmitz vor allem als unermüdliche und kompromisslose Streiterin für die Sache der vom NS-Staat mit Repressionen überzogenen Juden zu würdigen. Hervorgehoben werden muss, dass sie sich dabei nicht nur derjenigen evangelischen Christen annahm, die jüdischer Herkunft waren. Häufig genug reduzierten Geistliche wie Laien beider Konfessionen ihre Aktivitäten auf diesen Personenkreis, während sie die für die verfolgten "Glaubensjuden" keinerlei Empathie und Engagement zeigten.
Innerhalb der Bekennenden Kirche, in Briefen an den in der Schweiz lehrenden Karl Barth, der den wohl größten theologischen Einfluss auf die Bekennende Kirche ausübte, aber besonders durch eine von ihr verfasste Denkschrift "Zur Lage der deutschen Nichtarier" (Erstfassung September 1935, einen Nachtrag brachte sie im Mai 1936 zu Papier), die bis vor nicht allzu langer Zeit einer anderen Autorin zugeschrieben wurde, dokumentiert sie ihre Empathie, ihr hohes Maß an Moralität und ihre Entschlossenheit, die Bekennende Kirche mit ihren schwachen Kräften zu einem öffentlich geäußerten, unmissverständlichen Wort der Solidarität mit den verfolgten Juden zu bewegen. Elisabeth Schmitz ist jedes "wenn und aber", ist auch die geringste Konzession an die Nazis und den von ihnen geprägten "Zeitgeist" zuwider. Für sie ist die christliche Barmherzigkeit, Leitlinie ihres Denkens und Handelns. Sie spricht Klartext. Und sie formuliert in einer Art und Weise, die unter die Haut geht:
"Wer ruft die Gemeinden und unser ganzes Volk zurück zu dem, nach dem alles Christentum sich nennt? Zu dem, der seiner Kirche gerade den Samariter, den ‚artfremden’, verachteten ‚Mischling’ als das große Beispiel der Barmherzigkeit, des praktischen Christentums handelt? Zu dem, der gesagt hat: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst – und gegen dessen Gebote es sich empört? Und wer von uns wagt, sich zu sondern von seinem Volk, das diese Schuld auf sich lädt? Dieses Volkes Schuld ist auch unsere Schuld.(...)Was wollen wir antworten einst auf die Frage: Wo ist Dein Bruder Abel? Es wird auch uns, auch der Bekennenden Kirche keine andere Antwort übrig bleiben als die Kainsantwort.(...)Einer Judenverfolgung im Namen von Blut und Rasse muss eine Christenverfolgung notwendigerweise folgen. Einen Anfang davon hat die Bekennende Kirche, haben vor allem ihre Pfarrhäuser zu spüren bekommen. Aber trotz allen Leides wird es niemand einfallen, es in einen Vergleich setzen zu wollen zu dem Leid der deutschen Juden und Nichtarier. Und ganz abgesehen von der Größe des Leides bleibt der große Unterschied: Der Christ leidet persönlich, der Jude und Nichtarier mit Kindern und Enkeln.(...)Alle diese Menschen mit ihrem unermesslichen Leid Leibes und der Seele sind die Opfer des Glaubens an Blut und Rasse. Aber welcher Arzt, welcher Rechtsanwalt, welcher Beamte, Angestellte, Geschäftsinhaber weiß, ob er nicht der Nutznießer dieser Götter ist? Ob nicht seine Existenz aufgebaut ist auf der vernichteten Existenz eines andern? Auch, wenn er es nicht will, auch wenn er mit allen Fasern seines Wesens sich wehrt gegen diese Möglichkeit. Unvermeidlich hat er Vorteile aus seiner Abstammung, aus seinem ‚Blut’ und seiner ‚Rasse’. In diese Schuldgemeinschaft ist unentrinnbar jeder verstrickt." (S. 199, 207, 209, 209f.)
Und Elisabeth Schmitz stellt unbequeme Fragen an ihre Kirche: "Warum tut die Kirche nichts? Warum lässt sie das namenlose Unrecht geschehen? Wie kann sie immer wieder freudige Bekenntnisse zum nationalsozialistischen Staat ablegen, die doch politische Bekenntnisse sind und sich gegen das Leben eines Teiles ihrer eigenen Glieder richtet? Warum schützt sie nicht wenigstens die Kinder? Sollte denn alles das, was mit der heute so verachteten Humanität schlechterdings unvereinbar ist, mit dem Christentum vereinbar sein? Und wenn die Kirche um ihrer völligen Zerstörung willen in vielen Fällen nichts tun kann, warum weiß sie dann nicht wenigstens um ihre Schuld? Warum betet sie nicht für die, die dies unverschuldete Leid und die Verfolgung trifft? Warum gibt es nicht Fürbittegottesdienste, wie es sie gab für die gefangenen Pfarrer? Die Kirche macht es einem bitter schwer, sie zu verteidigen. Menschlich geredet bleibt die Schuld, das alles dies geschehen konnte vor den Augen der Christen, für alle Zeiten und vor allen Völkern und nicht zuletzt vor den eigenen künftigen Generationen auf den Christen Deutschlands liegen. Denn noch sind fast alle Glieder des Volkes getauft, und noch trägt die Kirche Verantwortung für Volk und Staat..." (S. 211)
Elisabeth Schmitz fordert aber nicht nur von ihrer Kirche sichtbare Taten. Sie selbst zieht nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938 die einschneidende Konsequenz, ihr Amt als Gymnasiallehrerin nicht mehr länger ausüben zu können. In ihrem Entlassungsgesuch vom 31. Dezember 1939 schreibt sie in mutiger Offenheit: "Es ist mir in steigendem Maße zweifelhaft geworden, ob ich den Unterricht bei meinen weltanschaulichen Fächern – Religion, Geschichte, Deutsch – so geben kann, wie ihn der nationalsozialistische Staat von mir erwartet und fordert. Nach immer wiederholter Prüfung bin ich schließlich zu der Überzeugung gekommen, dass das nicht der Fall ist." (S. 67f.) Elisabeth Schmitz Entlassungsgesuch wurde akzeptiert und ihr zugleich eine Pension gewährt, die 306 Reichsmark monatlich betrug.
Die Reichspogromnacht hatte sie innerlich schwer erschüttert. Sie wartete endlich, endlich!, auf ein sichtbares Zeichen ihrer Kirche angesichts der barbarischen Ereignisse, auf eine öffentliche Manifestation, auf ein "Bis hierher und nicht weiter!" Erneut musste sie bitter enttäuscht werden. Dem Herausgeber ist zu danken, dass er den im Evangelischen Zentralarchiv in Berlin überlieferten Brief vollständig abdruckt, den Elisabeth Schmitz am 24. November 1938 an Helmut Gollwitzer sandte, damals junger Pfarrer der Bekennenden Kirche in der Gemeinde Berlin-Dahlem. Dieser Brief wäre es wert, obligatorisch als Quelle im Geschichtsunterricht sowie im zeithistorischen Proseminar gelesen zu werden. Es handelt sich zweifellos um ein herausragendes Zeitdokument. Beinahe prophetisch klingen ihre Worte über die bevorstehende Ermordung der Juden:
"Das Wort der Kirche ist nicht gekommen. Dafür haben wir das Grauenhafte erlebt und müssen nun weiterleben mit dem Wissen, dass wir daran schuld sind. Als wir zum 1. April 33 schwiegen, als wir schwiegen zu den Stürmerkästen, zu der satanischen Hetze der Presse, zur Vergiftung der Seele des Volkes und der Jugend, zur Zerstörung der Existenzen und der Ehen durch so genannte ‚Gesetze’, zu den Methoden von Buchenwald – da und tausendmal sonst sind wir schuldig geworden am 10. November 1938. Und nun? Es scheint, dass die Kirche auch dieses Mal, wo ja nun wirklich die Steine schreien, es der Einsicht und dem Mut des einzelnen Pfarrers überlassen, ob er etwas sagen will, und was.(…)Es gehen Gerüchte um, dass ein Zeichen an der Kleindung beabsichtigt sei.(…)Geht man dazu über, die Menschen zu bezeichnen – so liegt ein Schluss nah, den ich nicht weiter präzisieren möchte. Und niemand wird behaupten wollen, dass diese Befehle nicht ebenso prompt, ebenso gewissenlos und stur, ebenso böse und sadistisch ausgeführt würden wie die jetzigen.(...) Ich bin überzeugt, dass – sollte es dahin kommen – mit dem letzten Juden auch das Christentum aus Deutschland verschwindet." (S. 223 u. 225)
Die Beiträge des Bandes behandeln jeweils spezielle Abschnitte bzw. Aspekte der Biographie von Elisabeth Schmitz: unter anderem die Ausprägung ihrer Persönlichkeit und ihrer religiös-weltanschaulichen Überzeugungen im intellektuell-akademischen Milieu Berlins, vom Beginn ihres Studiums 1915 bis weit in die 1920er Jahre hineinreichend. Dass hier noch manches der Aufhellung bedarf, ist offensichtlich. Wertvoll ist auch die Nachzeichnung ihrer Karriere als Gymnasiallehrerin, die ihren sensiblen und komplizierten Charakter verdeutlicht. Ihr Briefwechsel mit Karl Barth kann nur in gewissen Grenzen nachgezeichnet werden, da der in der Schweiz verwahrte Nachlass des berühmten Theologen nur eingeschränkt für die Forschung zur Verfügung steht. Sehr wertvoll ist der von Martina Voigt verfasste Beitrag über die Weggefährtin von Elisabeth Schmitz, die Professorin der Biologie Dr. Elisabeth Schiemann. Besonders der von der Autorin auf S. 149f. angestellte Versuch, eine "Typologie" der in der Bekennenden Kirche aktiven Frauen zu formulieren, ist außerordentlich anregend – auch vor dem Hintergrund der mehrfach von Manfred Gailus belegten These, es habe sich bei der Bekennenden Kirche im Kern um eine "Frauenbewegung" gehandelt.(2)
Der vorliegende Sammelband kommt fast unscheinbar daher, leicht verfremdet das Gesicht der Elisabeth Schmitz auf dem Titel, mit 230 Seiten Umfang nicht besonders umfangreich. Der Wert dieser Publikation kann indes gar nicht überschätzt werden. Man möchte mehr wissen, mehr lesen über diese herausragende Persönlichkeit der Bekennenden Kirche, die nach ihrem Rückzug aus dem Gymnasiallehrerinnen-Dasein und der Zerstörung ihres Wohnhauses im Bombenkrieg 1943, in ihre Heimatstadt Hanau zurückkehrte, in der sie nach dem Kriege, bis zu ihrem Tode 1977, lebte und als Oberstudienrätin sowie aktives Mitglied des örtlichen Geschichtsvereins wirkte. Um ihre Aktivitäten im "3. Reich" machte sie kein Aufheben. Die Autorenschaft ihrer oben zitierten Denkschrift, sie wurde fälschlich Marga Meusel zugeschrieben, klärte sie zu Lebzeiten – aus welchen Gründen auch immer – nicht auf. Ihre Beerdigung fand in aller Stille statt. Immerhin hat sie inzwischen eine Gedenk-Stele auf ihrem Grab bekommen, immerhin gedenkt man dort von Zeit zu Zeit durch Veranstaltungen unterschiedlichster Art dieser überaus klugen und mutigen Frau. Und in Berlin? Bisher ist fast nichts geschehen, um ihr Andenken zu würdigen. Vielleicht trägt der von Professor Gailus edierte Band dazu bei, dass dies sich zukünftig ändert?
Dr. Reiner Zilkenat
(1) Zur hoch interessanten Biographie Themels vgl. Manfred Gailus, Vom evangelischen Sozialpfarrer zum nationalsozialistischen Sippenforscher. Die merkwürdigen Lebensläufe des Berliner Theologen Karl Themel (1890-1973), in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 49. Jg., 2001, H.9, S. 773ff.
(2) Vgl. vor allem Manfred Gailus, Die mutigen Frauen in einer kirchlichen Männergesellschaft. Anmerkungen zur Frauen- und Geschlechtergeschichte am Beispiel des Berliner "Kirchenkampfes", in: Wolfgang Benz, Hrsg., Selbstbehauptung und Opposition. Kirche als Ort des Widerstandes gegen staatliche Diktatur, Berlin 2003, S.