13. November 2007

Appeasement – Hitlers Freunde in England

Ian Kershaw, Hitlers Freunde in England. Lord Londonderry und der Weg in den Krieg, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2005.

Schon wieder eine Studie zur Appeasement-Politik Großbritanniens? Dazu ist doch längst alles gesagt und geschrieben worden – so reagierte der Rezensent, als er dieses umfangreiche Buch des Hitler-Biographen Ian Kershaw in Händen hielt.

Und tatsächlich ist seit der Öffnung der britischen Archive an der Wende von den 60er zu den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine wahre Flut von Publikationen erfolgt, darunter auch viele aus der Feder westdeutscher Historiker(1), die wohl alle Facetten der britischen Außen- und Sicherheitspolitik in den 1930er Jahren, unter besonderer Berücksichtigung der Beziehungen zu Nazi-Deutschland, eingehend analysiert haben. Mittlerweile existieren nicht wenige Veröffentlichungen, die in kompakter Form den erreichten Forschungsstand bilanzieren.(2)

Das anzuzeigende Buch beweist allerdings, dass immer noch relevante Quellenbestände existieren, die bislang der Forschung nicht zugänglich waren und deren Auswertung manch’ neues Licht auf die Appeasement-Politik des "Troubled Giant" (Frederick S. Northedge) werfen können.

Im vorliegenden Falle handelt es sich um den groß dimensionierten Nachlass von Lord Londonderry, einem der prominentesten Exponenten der britischen Aristokratie, der in den Jahren von 1931 bis 1935 als Luftfahrtminister amtierte.

Verwandt und verschwägert mit fast allen großen Adelshäusern auf der Insel, so befand sich beispielsweise Winston Churchill unter seinen Vettern, gern gesehen bei Hofe, sein Haus in London und sein Landsitz in Nordirland ein beliebter Treffpunkt der in Politik und Ökonomie Herrschenden – Londonderry war zweifellos ein Mann "mit Einfluss"; jemand, der wusste, wie in Downing Street No. 10, in den Ministerien, im Parlament und in den Vorstandsetagen großer Banken und Konzerne auch hinter den Kulissen gedacht wurde. Als Luftfahrtminister engagierte er sich für die Modernisierung der Royal Air Force, wobei ihm besonders die Schaffung einer Bomberflotte am Herzen lag.

Aber nicht deswegen ist die Persönlichkeit Londonderrys, der im Übrigen auch  Teilhaber dreier Bankhäuser und ein sehr bedeutender Montanindustrieller war, von so großem Interesse. Vielmehr ist es seine politische Affinität zum deutschen Faschismus, einschließlich seiner hervorragenden Kontakte zu Nazi-Größen wie Hermann Göring, Joachim von Ribbentrop, aber auch zu Adolf Hitler, die eine biographische Studie rechtfertigen und neue Erkenntnisse zur britischen Appeasement-Politik erwarten lassen.

Zunächst sei hervorgehoben, dass der aus alter Familie stammende Lord Londonderry mit seinen Sympathien für die Nazis sich in sehr guter Gesellschaft befand. In der Anglo-German-Fellowship (vgl. S. 176ff.) und in der Cliveden-Clique um Lord und Lady Astor trafen höchst einflussreiche Mitglieder der "Gesellschaft" – Geschäftsleute, Parlamentarier, Verleger, Angehörige der Aristokratie – aufeinander, die sich für gute Beziehungen zu Hitlerdeutschland engagierten, ja, die den Aufbau einer faschistischen Diktatur mit öffentlich zur Schau getragenem Wohlwollen betrachteten. Insofern ordnen sich Londonderrys politische Überzeugungen in die damals in konservativen Kreisen Großbritanniens wahrnehmbare Tendenz ein, dem deutschen Faschismus seine Legitimation keineswegs abzuerkennen oder in Zweifel zu ziehen, sondern ihm innen- wie außenpolitische Erfolge zu wünschen. Es kam hinzu, dass die Nazi-Diktatur hier als Bündnispartner im Kampf gegen den "Bolschewismus" und gegen alles, was als  "links" galt, durchaus willkommen war. Die sehr unterschiedlichen politischen Systeme beider Länder sollten dem nicht entgegenstehen.

Von 1935 bis zum Einmarsch der "Wehrmacht" in die unbesetzte Tschechoslowakei im März 1939, der zu einer gewissen Ernüchterung Londonderrys hinsichtlich der Ziele Hitlers führte (vgl. S. 326ff.), war der Aristokrat unermüdlich tätig, um in der politischen Klasse Großbritanniens eine positive Stimmung für die Nazis hervorzurufen bzw. schon vorhandene Sympathien für den deutschen Faschismus noch zu verstärken. Er organisierte entsprechende, in Kershaws Buch gut dokumentierte Aktivitäten, die es beinahe gerechtfertigt erscheinen lassen, von ihm als einem unbesoldeten Botschafter des "Dritten Reiches" zu sprechen.

Sein elitäres Verständnis von Politik und Gesellschaft, ein ausgeprägter Antidemokratismus, Antikommunismus und Antisowjetismus – dies waren die geistig-politische Grundlagen Londonderrys, von denen aus sein Verhalten gegenüber dem Nazi-Regime und seinen Repräsentanten erklärbar wird.

Die imperialen Interessen des British Empire erforderten aus seiner Sicht ein Arrangement mit dem deutschen Faschismus, dessen "Drang nach Osten" sowie nach Wiederaufrüstung nicht in Frage zu stellen sei, solange der Appetit des "Führers" vor den Territorien des eigenen, inzwischen fragil gewordenen Weltreiches Halt machen würde. In alledem unterschied sich Londonderry durchaus nicht wesentlich von den Vorstellungen vieler anderer Politiker seines Landes, allerdings stach bei ihm die über das normal "Diplomatische" weit hinausreichende, geistig-politische Nähe zum "Dritten Reich" hervor.

Weithin bekannt wurde der britische Aristokrat durch seine Reise nach Deutschland im Januar und Februar 1936 (vgl. S. 165ff.). Mit einem vom deutschen Luftfahrtministerium exklusiv gecharterten Passagierflugzeug vom Typ Ju-52 wurden er und seine Frau vom Londoner Flughafen Croyden nach Berlin geflogen.  Hier traf er Adolf Hitler, Joachim von Ribbentrop, Constantin Freiherr von Neurath, Rudolf Heß und Hermann Göring, der ihn auf seinem Landsitz Carinhall in der Schorfheide pompös empfing. An den Botschafter des Vereinigten Königreichs in Berlin, Sir Eric Phipps, schrieb er voller Begeisterung über die intensive "Betreuung", die ihm die Nazi-Führer hatten angedeihen lassen: "Jede Minute war mit etwas anderem ausgefüllt gewesen, ob nun mit einer politischen Unterredung mit dem Führer oder einer Hirschjagd in Carinhall, mit der wundervollsten Musik oder der Besichtigung hervorragender Kunstwerke, Gemälde und Wandteppiche oder damit, dass man sich in Garmisch (dort fanden gerade die Olympischen Winterspiele statt-R.Z.) Skirennen, Eiskunstwettkämpfe oder Eishockeyspiele anschaute...Ich glaube, dass wir noch nie eine solch ausgefüllte, interessante und herrliche Zeit verbracht haben wie die letzten drei Wochen." (Zitat S. 172)

Die brutalen Repressionen gegen Andersdenkende und die immer mehr um sich greifende Entrechtung der Juden? Die so genannten Nürnberger Gesetze? Die Willkür der Gestapo? Der Terror gegen die Häftlinge in Konzentrationslagern und Zuchthäusern? Alles das war für Lord Londonderry kein Thema. Mit dem zur Staatsdoktrin erhobenen Antisemitismus der deutschen Faschisten zum Beispiel hatte er keinerlei ernste Probleme. In einem Brief an Joachim von Ribbentrop vom Februar 1936 heißt es hierzu u.a.:

"Wie ich Ihnen sagte, hege ich keine große Zuneigung zu den Juden. Man kann ihre Teilnahme an den meisten internationalen Störungen nachweisen, die in den verschiedenen Ländern so große Schäden hervorgerufen haben." (Zitat S. 179) Ian Kershaw bemerkt zu diesem Thema: "Obwohl Londonderry kein rassistischer Antisemit war, enthält sein Brief an Ribbentrop unverkennbare Spuren der latenten oder abstrakten Antipathie gegenüber Juden, die damals in der britischen Oberschicht weit verbreitet war." (S. 180) Eine Antipathie, die sich bei den Londonderrys auch gegenüber der eigenen Tochter äußerte, die es gewagt hatte, 1935 einen Juden zu heiraten – ein in diesen Kreisen der Aristokratie höchst unerwünschter, als degoutant empfundener Schwiegersohn.

Als Bestätigung seiner Auffassungen über den Platz Hitlerdeutschlands in der europäischen Politik empfand Londonderry das Diktat von München 1938. Zugleich gab es keinerlei Bekundung von Empathie mit dem Schicksal der Tschechoslowakei, denn "in seinen Augen war München keine moralische, sondern eine rein politische Angelegenheit" (S. 299), die dort vertraglich geregelten Abmachungen hätten aus seiner Sicht schon viel früher vereinbart werden sollen. Das Schicksal der überaus funktionsfähigen bürgerlich-parlamentarischen Demokratie in der CSR interessierte ihn nicht im Geringsten. Erst nach der Besetzung der – wie die Nazis es bezeichneten – "Rest-Tschechei" durch deutsche Truppen im März 1939 begann bei Lord Londonderry ein gewisser Prozess des Nachdenkens über die Realitätsbezogenheit seiner Ansichten zum faschistischen Deutschland. Schließlich geriet er nicht nur in die politische, sondern auch bis zu seinem Tod im Jahre 1955 in eine gesellschaftliche Isolation innerhalb der herrschenden Elite. War dies nicht ein wenig heuchlerisch? Ian Kershaw ist zuzustimmen, wenn er abschließend schreibt: "In mancher Hinsicht spiegelten sich in Londonderrys Schwächen auch diejenigen seiner sozialen Schicht wider. Dass so viele britische Aristokraten mit der extremen Rechten flirteten (oder aus voller Überzeugung auf deren Seite standen), den Faschismus anziehend fanden und mit vielen Elementen des Nationalsozialismus sympathisierten, war nicht einfach nur Ausdruck persönlicher Vorlieben oder ein historischer Zufall. Londonderry hat sich...nie mit dem britischen Faschismus gemein gemacht. Dafür war sein sozial und ideologisch sowie parteipolitisch verwurzelter Konservatismus viel zu tief in seinem Charakter verwurzelt. Dennoch hegte er aufgrund seiner sozialen Herkunft instinktiv Sympathie für viele sowohl von der faschistischen als auch von der konservativen Rechten propagierten Werte." (S. 409f.)

Zusammengefasst: Eine überaus wichtige, manchmal allerdings zu sehr in die Details verliebte Studie zu einem in der Appeasement-Forschung bislang nicht angemessenen bearbeiteten Thema. Dass – wie es mittlerweile üblich geworden ist – für die Thematik einschlägige Literatur von DDR-Historikern wie z.B. Siegfried Bünger, Gerhart Hass, Mirjam Kölling und Karlheinz Schädlich vom Autor unberücksichtigt blieb, sei abschließend noch der Vollständigkeit halber angemerkt.

Dr. Reiner Zilkenat

Anmerkungen

(1) Zu den wichtigsten dieser Arbeiten gehören: Bernd-Jürgen Wendt, Economic Appeasement. Handel und Finanz in der britischen Deutschland-Politik 1933-1939, Düsseldorf 1971; Gottfried Niedhart, Großbritannien und die Sowjetunion 1934-1939. Studien zur britischen Politik der Friedenssicherung zwischen den beiden Weltkriegen, München 1972; Reinhard Meyers, Britische Sicherheitspolitik 1934-1938. Studien zum außen- und sicherheitspolitischen Entscheidungsprozess, Düsseldorf 1976; Gustav Schmidt, England in der Krise. Grundzüge und Grundlagen der britischen Appeasement-Politik (1930-1937), Opladen 1981. Neuerdings: Detlev Clemens, Herr Hitler in Germany. Wahrnehmung und Deutungen des Nationalsozialismus in Großbritannien 1920-1939, Göttingen 1996; Jörg Später, Vansittart. Britische Debatten über Deutsche und Nazis 1902-1945, Göttingen 2003 (zu Lord Londonderry vgl. ebenda, S. 107ff).
(2) Genannt seien an dieser Stelle folgende Arbeiten, die vor allem als kurz gefasst Einführung in die Thematik für den akademischen Unterricht geschrieben worden sind: Keith Robbins, Appeasement, Oxford 1988, 2nd edition 1997; R.J.Q. Adams, British Politics and Foreign Policy in the Age of Appeasement, 1935-39, Stanford (Calif.) 1993; Graham Darby, Hitler, Appeasement and the Road to War 1933-41, London 1999; Frank McDonough, Hitler, Chamberlain and appaesement, Cambridge 2002. In der BRD wurden mehrfach in der "Neuen Politischen Literatur” und in den "Militärgeschichtlichen Mitteilungen" Literatur- und Forschungsberichte aus der Feder von Gottfried Niedhart, Gustav Schmidt, Rainer Tamchina und Bernd-Jürgen Wendt veröffentlicht.

Lloyd George, ehem. Premierminister Großbritanniens am 28. November 1934 vor dem House of Commons

"Ich sage voraus, dass in einer sehr kurzen Zeit – vielleicht nicht ein, vielleicht nicht zwei Jahre – die konservativen Elemente in England auf Deutschland als ein Bollwerk gegen den Kommunismus in Europa blicken werden. Wenn Deutschland vor dem Kommunismus niederbricht und der Kommunismus Deutschland ergreift, so wird Europa folgen, weil die Deutschen es am besten bewerkstelligen würden. Ihr werdet Deutschland als Euren Feund begrüßen."
(Deutsches Nachrichtenbüro, Nr. 346, 28.11.1934, Bl. 23, in: Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, R 2501/4026, unfol.)

Duncan Sandys, MP (Konservative Partei) und Schwiegersohn Churchills, in einem Artikel der "Europäischen Revue" 1936

"Nach Jahren ergebnisloser politischer Verzettelung hat das deutsche Volk nach den Regeln seiner Verfassung und in Ausübung seines demokratischen Wahlrechts dem Nationalsozialismus freiwillig die Macht überantwortet. Es wusste genau, wofür der Nationalsozialismus eintrat. Es traf seine Wahl mit offenen Augen, und die überwältigende Zustimmung, die dem Führer bei einer Volksabstimmung nach der anderen zuteil geworden ist, beweist zur Genüge, dass das deutsche Volk seine Entscheidung nicht bereut hat."
(Deutsche Allgemeine Zeitung, Nr. 308, 4.7.1936)

Lord Londonderry in einem Artikel des "Berliner Lokal-Anzeigers", April 1937

"Nehmen wir offen die Tatsache der Rehabilitierung Deutschlands als Weltmacht hin und versuchen wir, wenn wir können, in Harmonie mit ihm zu arbeiten, denn von  unserem gegenseitigen guten Willen hängt nach meiner Überzeugung in allererster Linie die Sicherung des Friedens in den kommenden Jahren ab."
(Berliner Lokal-Anzeiger, Nr. 80, 3.4.1937)