Erfahrungen aus dem antifaschistischen Widerstand 2010
Von Dr. Roland Bach
Unter den bedeutsamen politischen Entwicklungen des Jahres 2010 hat der wachsende und erfolgreiche Widerstand gegen die neonazistischen Provokationen in Form von Großaufmärschen eine wichtige Rolle gespielt. Überall, ob in Dresden, Berlin, Dortmund oder Leipzig ließen demokratischer Massenprotest, Menschenketten, Blockaden, Kulturfeste und eine Vielzahl anderer Aktionsformen die neonazistischen Vorhaben scheitern. Ihre Niederlagen waren offensichtlich.
Da die Neonaziszene jedoch noch nicht abgerüstet hat und teilweise mit veränderter Strategie und Taktik neue Provokationen plant, ist es auch für die demokratischen Kräfte angezeigt, ihre Erfahrungen aus den vergangenen Monaten genauer zu analysieren und sich umfassend auf weitere Auseinandersetzungen vorzubereiten.
Dresden, 13. Februar 2010
Für den Jahrestag der Zerstörung Dresdens durch alliierte Bombenangriffe im Jahre 1945 hatten die Neonazis zum wiederholten Male bundesweit und europaweit zur Massendemonstration des sogenannten "Trauermarsches" mobilisiert. Wie in den Jahren zuvor wollten sie das berechtigte Gedenken und die Gefühle der Dresdener Bevölkerung für ihren provokatorischen Auftritt missbrauchen. Wiederum wurde die "Junge Landsmannschaft Ostdeutschland" (JLO) als Anmelder vorgeschickt, und mit einer propagandistischen Großoffensive für das bedeutendste Event der Selbstinszenierung der gesamten braunen Szene von NPD, DVU, "freien Nationalisten", Kameradschaften, Jugend- und Frauenorganisationen bis zu Neonazis aus anderen Ländern geworben. Nach Polizeiangaben hatten sich 6.500 Neonazis auf den Weg gemacht.
Sie erlitten jedoch ein Fiasko. Trotz widrigster Witterungsbedingungen gelang es Zehntausenden Bürgern, ihren Durchmarsch zu verhindern. Den Dresdenern, die deutlicher als in den Vorjahren ihre Ablehnung der Vereinnahmungsstrategie der Neonazis zum Ausdruck brachten, kamen dabei Antifaschisten aus den anderen Bundesländern zu Hilfe.
So gab es zum einen die tausendfache Menschenkette, die sich dem Aufruf der Dresdener Oberbürgermeisterin und vieler Prominenter aus Politik, Kirchen, Kultur und Sport folgend als Ring um die Altstadt gelegt hatte. Unterstützt durch Gerichtsentscheide, die ausschlossen, dass den Neonazis der Weg über die Elbbrücken erlaubt würde, konnte es keinen Zweifel geben, dass auf dieser Seite der Elbe keine Neonazis marschieren durften.
Zum anderen sammelten sich auf der Neustädter Seite – mobilisiert durch das Aktionsbündnis "Dresden nazifrei!" – mehr als Zehntausend Nazigegner aus ganz Deutschland und blockierten die Anmarschwege der Neonazis. Diese hatten zwar noch einen kurzen Marschweg durch die Neustadt genehmigt bekommen, wurden aber schließlich auf einen von der Polizei abgeschirmten Kessel am Bahnhof zurückgeworfen.
Das gelungene Signal gegen den Neonazismus wurde auch durch die Besonnenheit und Deeskalationsstrategie der Polizei ermöglicht, die mit über 5.000 Beamten im Einsatz war, aber weder willens noch in der Lage war, die weitgehend friedlichen Blockaden aufzulösen. Der sächsische Landespolizeipräsident Merbitz erklärte nach dem Einsatz: "Wo wären wir heute, wenn die Polizei die Strecke am Samstag freigemacht hätte? Es hätte sich verboten, mit Gewalt gegen Kinder und ältere Frauen vorzugehen". Dass er sich damit nicht nur die Wut der Neonazis, sondern auch mancher Staatsanwälte und Funktionäre der sächsischen Polizeigewerkschaft zuzog, überrascht nicht.
In den folgenden Wochen waren unter denen, die erfolgreich die Neonazis abgewehrt hatten, unterschiedliche Auffassungen zu hören, wem denn nun eigentlich der Hauptanteil am Erfolg zukomme. Manche Organisatoren der Menschenkette und manche Organisatoren der Blockaden reklamierten das Ergebnis für sich. Dabei reicht der Blick auf die von der Elbe geteilte Stadt, um einzusehen, dass es gerade die Brücken sind, die ihre Position ausmachen und um Bilde zu bleiben, dass es eben gerade die Verbindung der verschiedenen Faktoren und Aktionsformen war, die zum Ziel führte. Natürlich hätte die friedliche Menschenkette nicht den gewaltbereiten Nazimob aufhalten können, aber genauso hätte ohne die Zeichen des Umdenkens unter der Bevölkerung Dresdens nicht zum ersten Male ein erfolgreicher Stopp der Neonazis durch stundenlange Blockaden durchgehalten werden können. Und nicht zu vergessen: Beide Formen des Widerstandes bedurften langfristiger Mobilisierung der Nazigegner, politischer, organisatorischer, materieller und finanzieller Maßnahmen in der ganzen Bundesrepublik. Nur so konnten auch die Auseinandersetzungen mit Behörden, Justiz und Polizei über die Notwendigkeiten des Kampfes gegen die Neonazis über rein formelle Anwendungen von Rechtsmitteln hinaus geführt werden.
Zu den Erfahrungen von Dresden 2010 gehört auch, dass die Neonazis nicht nur lauthals über ihr Fiasko klagten und teilweise offen ihre Niederlage eingestehen mussten, sondern dass besonders militante Gruppen ihren Unmut in gewaltsamer Randale noch am 13. Februar in der Pirnaer Innenstadt zum Ausdruck brachten, worauf man dort wenig vorbereitet war. Neu war auch, dass man in der Naziszene begann, über Alternativen zu ihrem bisherigen Konzept für Dresden zu streiten. Gleichzeitig verlegte man sich auf parlamentarisches Gezeter wie der Fraktionsvorsitzende im sächsischen Landtag, Holger Apfel, und auf juristische Vorstöße gegen die angeblich Recht und Gesetz brechenden Antifaschisten. Dass sie dabei propagandistische Schützenhilfe vom Chemnitzer Politologie-Professor Jesse erhielten, der die Ereignisse von Dresden nicht als Niederlage der Neonazis, sondern als "Niederlage der Demokratie" abqualifizierte, konnte von diesem "Extremismusforscher" nicht verwundern.
Berlin, 1. Mai 2010
Nachdem die Neonazis mit Versuchen, ihre angeschlagene Reputation in neuen Märschen in Chemnitz und anderenorts aufzupolieren, gescheitert waren, bereiteten sie sich mit besonderer Vehemenz auf den 1. Mai vor, den sie in Erinnerung an die Nazikundgebungen ab 1933 zum "Tag der Nationalen Arbeit" deklarierten. Zunächst uneinig über die Orte, wo sie aufmarschieren wollten fiel dann doch die Entscheidung für eine bundesweit zusätzliche Mobilisierung nach Berlin, intern auch motiviert als "Rache für Dresden". In den Vordergrund stellte man rassistische Parolen wie "Arbeitsplätze nur für Deutsche" und "Gute Heimreise!" Als Redner wurden bekannte Neonazis wie Wulff, Riefling und Worch angekündigt.
Das demokratische Berlin nahm die geplante neue Provokation gerade hier in der Hauptstadt nicht hin, es bildete sich ein breites Bündnis für einen "bunten Widerstand" gegen die Braunen. Der Aufruf zum Widerstand wurde von zahlreichen Organisationen und Einzelpersönlichkeiten unterzeichnet – ihre Losungen "Am 1. Mai bleibt Berlin nazifrei!" und "Wenn Nazis marschieren, werden wir blockieren" fanden breiten Widerhall. Im Ergebnis brachten die Neonazis nicht einmal die Hälfte der angekündigten Teilnehmer an, am zentralen Sammelpunkt S-Bahnhof Bornholmer Straße verließen rund 700 die Züge. Hier sahen sie sich nicht nur einem Polizeikordon, sondern auch Tausenden gegen den Nazispuk demonstrierenden Bürgern gegenüber. So reisten frustriert manche gleich zurück. Die anderen schafften nach stundenlangem Warten unter Polizeischutz gerade 500 Meter vorwärts, bis sie endgültig von den Blockaden gestoppt und schließlich von der Polizei wieder in die Bahn Richtung Oranienburg verfrachtet wurden. Viele Tausende Gegendemonstranten bekamen die Neonazis überhaupt nicht zu Gesicht, konnten einen friedlichen 1. Mai feiern. 268 Neonazis hatten in Vorausschau ihrer Niederlage bereits bei der Anreise die S-Bahn verlassen und waren dann zu einer nicht angemeldeten Demonstration zum Kurfürstendamm gezogen. Hier wurden sie ebenfalls von einem Polizeiaufgebot festgehalten und entsprechend behandelt.
Im Grunde setzte sich dann das zu Dresden Geschilderte fort. Die neue Niederlage führte zu Frustration in der Neonaziszene, es begannen wieder Debatten über eigene Fehler. Mit Spontandemonstrationen versuchten sich besonders militante Gruppen am Rande des eigentlichen Geschehens zu inszenieren und schließlich versuchten die Anführer nach ihrer Niederlage mit juristischen Tricks noch Punkte zu sammeln. So stellten die Worch und Co. Strafanzeige gegen bekannte Berliner Politiker, die sich unter den Teilnehmern der Blockaden befanden, und deren Verhalten sie als "Gesetzesverstoß" beklagten. Während sie dabei teilweise formale Unterstützung bei Berliner Staatsanwälten erhielten, verteidigte auf der anderen Seite eine breite Welle der Solidarität die Angegriffenen und alle Blockierer. Insgesamt wurde die Zahl der Teilnehmer am demokratischen Widerstand dieses 1. Mai in Berlin auf über 10.000 geschätzt, der gewaltfreie zivile Ungehorsam hatte erneut gesiegt.
Dortmund, 4. September 2010
Zwischen dem 1. Mai und dem 1. September waren die Neonazis natürlich nicht untätig. Zwar waren ihre Führer mit dem Parteitag der NPD in Bamberg Anfang Juni und danach stark mit dem Bemühen um die Fusion mit der DVU beschäftigt, Großaktionen waren nicht angesagt. Die Vorstöße lokaler Gruppierungen von "autonomen Nationalisten", Kameradschaften und "Jungen Nationaldemokraten" zur Eroberung neuer Räume und Einflussbereiche zeigten aber, dass man sich durchaus nicht nur auf Vereinsleben und Schulungsarbeit beschränken wollte. Insbesondere war das im Osten Brandenburgs erkennbar, wo die sogenannte Kameradschaft "Märkisch Oderland" gleich eine ganze Reihe von Aufmärschen anmeldete.
Die Neonazis stießen aber auch hier unerwartet auf starke Gegenwehr. Auch in kleineren Städten gelang es, die Bürger für den Widerstand zu mobilisieren, Bündnisse zu formieren und die Neonazis mit Blockaden aufzuhalten. Die Beispiele von Dresden und Berlin wirkten nach. Einschränkende Maßnahmen von Behörden und Polizei gegen die Neonazis taten ihr Übriges. Weder in Bernau noch in Eberswalde, weder in Strausberg noch in Bad Freienwalde erreichten diese ihr Ziel. Eine im Vorfeld der Grenze zu Polen in Groß Manschnow angesagte Nazidemo wurde schließlich ganz abgesagt und im gleichen Atemzug wurde die Auflösung der Kameradschaft erklärt. Auch dies bestätigte ihr Scheitern.
Im Südwesten gelang es den Neonazis ebenfalls nicht, mit einer Großveranstaltung zu punkten. Mit einer Demonstration in Karlsruhe wollten sie eine Art Ersatzveranstaltung für die in Wunsiedel verbotenen Ehrungen des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß durchführen, indem sie vorgaben, den verstorbenen NPD-Funktionär Jürgen Rieger ehren zu wollen. Die geplante Veranstaltung stieß auf den entschiedenen Protest des "Antifaschistischen Aktionsbündnisses Karlsruhe" (AAKA) und wurde schließlich verboten.
So blieb den Neonazis die Hoffnung, wie in den vergangenen fünf Jahren ihren sogenannten "Nationalen Antikriegstag" in Dortmund am 4. September in Erinnerung an den Kriegsausbruch 1939 zur nächsten Großveranstaltung aufblasen zu können. Ähnlich wie in Dresden ging es darum, ein weithin bekanntes und emotional hoch brisantes Thema zu nutzen, um in völliger Verdrehung geschichtlicher Tatsachen hetzen und sich in der Öffentlichkeit als "Friedensfreunde" drapieren zu können. Der frühzeitigen Anmeldung folgte eine breite propagandistische Kampagne. "Solidaritätskonzerte" sollten Gelder einspielen, Tausende Plakate und Zehntausende Flugblätter und Aufkleber überall Aufmerksamkeit erregen. Als Redner wollten sich wiederum altbekannte Neonazis wie Worch oder der Österreicher Küssel produzieren.
Die Organisation des Widerstandes in Dortmund gegen die neonazistische Provokation wurde zunächst außerordentlich erschwert. Zwar war die antifaschistische Szene und die demokratische Öffentlichkeit im gesamten Ruhrgebiet alarmiert und wachsam, doch blieb die Dortmunder Polizei bei ihrer Linie, vor allem den antifaschistischen Protest wie in den Vorjahren zu behindern. So verbot man nicht nur die Nazidemo, sondern die angemeldeten Gegenaktionen einschließlich der gewerkschaftlichen Proteste gleich mit. Das konnte aber den Widerstand des breiten Bündnisses "Dortmund stellt sich quer" nicht lähmen, schrittweise wurden antifaschistische Aktionen wie die der VVN-BdA durchgesetzt. Insgesamt umfasste die Front der Nazigegner etwa 15.000 Bürger.
Bei ihrer Begründung für das aufrecht erhaltene Verbot des Neonazi-Marsches stützte sich die Dortmunder Polizei vor allem auf die erwartete Teilnahme eines Terrorverdächtigen aus der Aachener Kameradschaft, gegen den wegen des Versuchs der Herbeiführung eines Sprengstoffanschlages am 1. Mai in Berlin ermittelt wurde. Sie argumentierte, damit sei ein "nicht kalkulierbares Risiko" entstanden. Das von Neonazis angerufene Bundesverfassungsgericht folgte zwar dieser Einschätzung nicht, erlaubte aber in letzter Minute nur eine beschränkte Kundgebung am Dortmunder Hafen.
Der Katzenjammer der Neonazis nach ihrer erneuten Niederlage war verständlich. Dennoch versuchten sich einige mit ihren spontanen Demonstrationen am Rande zu trösten, die sie mit Aktionen "unserer Ahnen", von Gruppen der NSDAP und SA verglichen und für die Zukunft weiter empfahlen. Denn, so meinte ein "Autonomer Nationalist" hinterher in einem Internetforum " … in Dortmund aufgeben, wäre eine klare Niederlage gegenüber der Polizei". Würde man nicht weiter demonstrieren, würde dies das gesamte Mobilisierungspotential zerstören. Die spontane Demo am Silvestertag 2010 in Dortmund unterstrich, wie gefährlich dort die neonazistische Szene geblieben ist.
Leipzig, 16. Oktober 2010
Der Dortmunder Reinfall konnte natürlich nicht alle Neonazis davon abbringen, weitere Versuche zur Provokation in hergebrachter Weise zu starten. Aber auch die Ereignisse in Berlin-Schöneweide am 18. September, wo die Berliner NPD sich wieder einmal in Aktion zeigen wollte, konnten keinen Ausweg aus ihrer Misere zeigen. Auch hier trafen sie nach vollmundiger Ankündigung auf den starken Widerstand des antifaschistischen Berlin und blieben schließlich von der Polizei gut abgeschirmt auf einem Busbahnhof wie in einem Kessel hängen. Wege für einen Marsch blieben ihnen versperrt.
Deshalb war es nicht überraschend, dass für den Aufmarsch in Leipzig im Oktober andere Konzepte gesucht wurden. In Leipzig hatten die Neonazis immer wieder Niederlagen einstecken müssen, war es ihnen nie gelungen, mit Demonstrationen zum Völkerschlachtdenkmal, das sie ebenfalls als Gedenkort nationalistischer Größe missbrauchen wollten, durchzukommen. Bereits im Vorjahr 2009 waren sie schon an den Blockaden der Antifaschisten gescheitert, die Erinnerung daran empfanden sie noch als Schmach. Gleichzeitig sollte in Leipzig probiert werden, welche anderen Varianten es eventuell für das Auftreten in Dresden 2011 geben könnte. Deshalb entschieden sich die Neonazis für ein dezentrales Konzept. Sie meldeten nacheinander gleich vier Demonstrationen auf verschiedenen Routen an (die später auf drei reduziert wurden). Nach dem Prinzip eines Sternmarsches sollte deren Zusammenführung später in der Mitte Leipzigs erfolgen. Damit wollten sie vor allem eine Zersplitterung der antifaschistischen Kräfte erreichen und Massenblockaden wie in Dresden verhindern. Krawalle am Rande Leipzigs, wie in Geithain, wo Neonazis sich schon am Vortag sammelten und Polizei und Behörden beschäftigten, gehörten dazu.
Dass die Strategie der Neonazis jedoch auch dieses Mal durchkreuzt werden konnte, lag vor allem an der rechtzeitigen und klugen Vorbereitung des Widerstandes durch das Bündnis "Leipzig nimmt Platz", das zu einem effektiven Aktionsnetzwerk ausgebaut werden konnte. So gelang die Abstimmung aller demokratischen Kräfte angefangen vom Oberbürgermeister und der Verwaltung der Stadt, über die parlamentarischen Vertretungen einschließlich CDU und FDP bis zur Polizei, den Kirchen und Organisationen. Die Deutlichkeit der Ablehnung einer neuen Naziprovokation in Leipzig führte zur massenhaften Teilnahme der Bürger an den verschiedenen gewaltfreien Abwehraktionen. Leipzig nahm tatsächlich "Platz", bevor die Neonazis auf Straßen und Plätze gelangten. Einem zermürbenden Rechtsstreit war man aus dem Wege gegangen, indem alle Demonstrationen der Neonazis verboten wurden, lediglich eine kleine stationäre Kundgebung am Hauptbahnhof gestattet worden war. Statt des Großaufmarsches standen dort ähnlich wie in den anderen beschriebenen Beispielen gerade 250 Neonazis herum, um frustriert den Reden ihrer Anführer zuzuhören. Per Zug anreisende Neonazis schafften es großenteils nicht, den Bahnhof zu verlassen, weil friedliche Demonstranten die Bahnsteige blockierten. Ein Teil setzte sich gleich wieder in den Zug und fuhr zurück nach Hause.
Eine besondere Leistung vollbrachte das Bündnis "Leipzig nimmt Platz" mit der Verhinderung einer Reihe von den Neonazis schon geplanten "Spontandemonstrationen". Über Info-Punkte und mobile Vernetzung konnten vor allem jugendliche Gegendemonstranten an Orte dirigiert werde, wo spontan Neonazis auftauchten. Auch der freie Bürgerfunk "Radio Blau" sendete permanent Informationen, die die Blockaden ermöglichten. Die größte dieser Blockaden gab es vor einem NPD-Büro in Leipzig-Lindenau, wo der geplante Marsch zur Innenstadt ebenfalls ausfiel. Mahnwachen vor Kirchen und rasches Handeln der eingesetzten Polizeikräfte gegen Versuche von Spontandemonstrationen der Neonazis auch in den Außenbezirken vervollständigten das Bild.
Die veranstaltenden Neonazis lobten sich im Nachhinein in Ermangelung anderer Erfolge gerade für solche spontanen Auftritte. Sie posaunten: "Leipzig war unser Versuch, das Laufen neu zu erlernen und jeder von euch kann behaupten, er hat das Laufen neu erlernt." Man werde auch künftig eine Vielzahl neuer kreativer und alternativer Wege beschreiten, um das Recht auf Versammlungsfreiheit wieder herzustellen. Dass es bei den Neonazis aber durchaus andere Meinungen gab, zeigte sich im Neonazi-Forum im Internet, wo die Kreativität, Effektivität und Außenwirkung der spontanen Auftritte bezweifelt wurde. In typischem Nazijargon wurde gefragt, welchen Sinn es habe, in einem Kuhdorf für ein paar Minuten herumzulaufen, "ohne dass irgendeine Sau es mitbekommt".
... und wieder Dresden – Februar 2011
Nun also ein neuer Anlauf nach Dresden. Die Neonazis wollen sich ihr "nationales Event" nicht nehmen lassen. Vorsorglich hat die JLO den nazistischen "Trauermarsch" für eine Reihe von Jahren gleich im voraus angemeldet. Die JLO, die hier als Speerspitze der neonazistischen Provokateure fungiert, hat damit im Auftrag vor allem der NPD eine Rolle übernommen, die sie über ihre wirklich Bedeutung – betrachtet man ihre geringen Mitgliederzahlen und ihre sonstigen Aktivitäten – hinaushebt.
Auffällig ist dabei zunächst der Versuch, Verwirrung zu stiften, indem der eigentliche Aufmarschtermin lange unklar blieb. Inzwischen ist deutlich geworden, dass die Neonazis am 13. und am 19. Februar provozieren wollen. Für den Abend des 13. Februar, dem eigentlichen Gedenktag der Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg, plant die JLO nun einen Fackelmarsch wahrscheinlich in Außenbezirken. Die "NPD-Die VOLKSUNION", wie sie jetzt heißt, mobilisiert zusammen mit dem "Freien Netz" zum europaweiten Neonazi-Aufmarsch am 19. Februar nach Dresden. Nach den Erfahrungen der letzten Monate ist ganz deutlich geworden, dass es den Neonazis nicht in erster Linie um stationäre Kundgebungen geht, sondern dass ihre Parole, man lasse sich das "Laufen" nicht verbieten, ernst gemeint ist, dass vor allem auch an spontane Demos gedacht ist.
Gegen beide Provokationen der Neonazis hat sich langfristig und aktuell in Dresden und deutschlandweit wieder entschlossener Widerstand vorbereitet, der den Neonazis auch diesmal und möglichst für immer die Lust an ihren Aktionen nehmen soll. Damit wird die erste grundlegende Erfahrung realisiert, dass es gerade die langfristige Vorbereitung der demokratischen und antifaschistischen Aktionen ist, die die Nazigegner mobilisiert, die Öffentlichkeit wachrüttelt und die notwendigen Mittel für den Protest bereitstellt. Indem die Neonazis unter Dauerbeobachtung stehen, sind ihre Möglichkeiten, Überraschungen zu starten, eingegrenzt.
Damit in Verbindung steht die zweite grundlegende Erfahrung, dass die Neonazis vor allem mit breiten und gut organisierten Bündnissen in die Schranken gewiesen werden können. Der friedliche und gewaltfreie Massenprotest lässt die gewaltbereiten Nazis in die Leere laufen, denn er vernetzt sich mit polizeilichen und juristischen Maßnahmen. Hier liegt die Bedeutung der auch 2011 geplanten Menschenketten der Dresdener Bevölkerung, für die erneut wichtige Persönlichkeiten aufgerufen haben.
2010 sind auch wichtige Erfahrungen mit der Zunahme des friedlichen zivilgesellschaftlichen Ungehorsams sichtbar geworden. Er war über die Blockierungen der Naziaufmärsche hinaus auch in Gorleben und Stuttgart lebendig, hat sich über zweifelhafte behördliche oder juristische Entscheidungen hinweggesetzt. Er kann auch nicht aufgehalten werden, wenn Dresdens Staatsanwälte weiter lächerliche Anklagen gegen Fraktionsvorsitzende der Linken aus den Landtagen in Sachsen, Hessen und Thüringen wegen ihrer aktiven Rolle bei den Blockaden im Februar 2010 zimmern. Die Nazigegner werden auch weiter blockieren. Das Bündnis "Nazifrei! Dresden stellt sich quer!" wird auch 2011 viele Wege finden, wenn es gilt, die Neonazis am "Laufen" zu hindern. Und auch wenn die Auseinandersetzung um die Zulässigkeit von Blockaden und deren mögliche Formenweitergeht, bleibt die Wirksamkeit dieses Kampfmittels unbestritten.
Weitere Erfahrungen haben die demokratischen Kräfte bei ihrem Widerstand auch mit der Unterstützung durch Abgeordnete verschiedener Ebenen, mit Anwälten, die wirksam ihre Rechte gegenüber Polizisten und Behörden vertraten und beim Opferschutz aktiv wurden, gesammelt. Vorbereitungen dazu sind genauso unerlässlich wie die Auswahl der Verbindungsleute zu den Ordnungskräften und nicht zuletzt zu den Medien, um eine möglichst wahrheitsgetreue Berichterstattung über die Ereignisse zu sichern.