Erklärung der Mitgliederversammlung der BAG Gesundheit und Soziales
Die Mitglieder der Bundesarbeitsgemeinschaft Gesundheit und Soziales sind sich einig: Der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und FDP ist eine Kampfansage an die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Rentnerinnen und Rentner sowie in besonderem Maße an alle sozial Benachteiligten dieser Gesellschaft.
Der mit der Schröderschen Agenda 2010 eingeschlagene Kurs der Privatisierung von Lebensrisiken wie Arbeitslosigkeit, Krankheit, Pflegebedürftigkeit oder Altersarmut soll nochmals drastisch verschärft werden. Die Gesellschaft wird immer stärker in "Leistungsträger" und "Leistungsempfänger" gespalten, wobei den "Leistungsträgern" Steuergeschenke und finanzielle Entlastungen zugebilligt und den "Leistungsempfängern" unter dem Stichwort "Eigenverantwortung" aber zusätzliche Lasten aufgebürdet werden.
CDU/CSU und FDP wollen, dass das allgemeine Wettbewerbsrecht als Ordnungsrahmen auch in der gesetzlichen Krankenversicherung Anwendung findet. Wettbewerb anstelle von Solidarität und Parität - das lehnen wir ab, denn das Gesundheitswesen ist kein Warenproduzent, vergleichbar mit einem Autohersteller.
Wir wollen eine Gesellschaft, in der unter Gesundheit tatsächlich "das vollkommene körperliche, seelische und soziale Wohlsein" (WHO) verstanden wird und die Einrichtungen sowie Leistungen des Gesundheitswesens einer bedarfsgerechten und wohnortnahen Versorgung dienen, die gleichermaßen allen Menschen, unabhängig von ihrer sozialen bzw. finanziellen Situation, offen stehen.
Wir wollen kein
Einfrieren der Arbeitgeberbeiträge im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung und lehnen in der Pflegeversicherung die Einführung einer Kapitaldeckung ab.
Wir wollen keine
Einführung einer einkommensunabhängigen Versicherungspauschale ("Kopfpauschale"). Der für Geringverdiener erforderliche Sozialausgleich aus Steuermitteln wird auf eine Summe von 25 bis 40 Mrd. Euro geschätzt. Die Zeche dürfen dann die Versicherten zahlen – durch Mehrwertsteuererhöhung oder weitere Leistungsausgrenzungen im Gesundheitswesen.
Wir wollen keine
von Schwarz-Gelb geforderte Beitragsautonomie der Kassen unter Berücksichtigung regionaler Besonderheiten bei den Vertragsverhandlungen, denn das heißt im Klartext: das Beitragsaufkommen in Bundesländern mit geringen Einkommen reicht nicht zur Kostendeckung, Kassen müssen Zusatzprämien erheben bzw. das Versorgungsniveau absenken.
Wir fordern deshalb:
die Rückkehr zum und die Weiterentwicklung des Prinzips der Solidarität in der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung. Jede Frau, jeder Mann soll entsprechend seiner finanziellen Leistungsfähigkeit an der Finanzierung des Gesundheitswesens beteiligt werden, um im Krankheitsfalle unabhängig von der Höhe seiner Beiträge bedarfsgerecht versorgt zu werden. Zur Finanzierung des Gesundheitswesens müssen alle Einkommen und Einkommensarten herangezogen werden, d. h. neben den Arbeitseinkommen auch Einkünfte aus selbständiger Tätigkeit, aus einem Dienstrechtsverhältnis bzw. aus Kapital- und Unternehmensgewinnen.
Wir fordern deshalb:
die Einführung einer Solidarischen Bürgerversicherung in der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung, welche die Trennung von privater und gesetzlicher Kranken- und Pflegeversicherung aufhebt und sich auf die gesamte Bevölkerung erstreckt. Damit wird den Grundsätzen der Solidarität wieder volle Geltung verschafft. Arbeitgeber zahlen mit Einführung einer solidarischen Bürgerversicherung mindestens die Hälfte und bei Geringverdienern einen höheren Anteil der Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge. Zur kurzfristigen Stabilisierung der Finanzkraft der Kranken- und Pflegeversicherung ist deren Beitragsbemessungsgrenze an die Rentenversicherung anzugleichen. Langfristig soll die Beitragsbemessungsgrenze entfallen.
Wir fordern deshalb:
die Rücknahme aller in den vergangenen Jahren vorgenommenen Privatisierungen von Leistungen (wie Praxisgebühr, Zuzahlungen bei Medikamenten, Heil- und Hilfsmittel, Sonderbeitrag u. a.).
Wir wollen keine marktradikalen Mechanismen im Gesundheitswesen! Gesundheit ist keine Ware wie ein Auto oder Flachbildfernseher! Statt Wettbewerb und Privatisierung müssen Solidarität und Parität Leitgedanken der sozialen Sicherungssysteme und vor allem des Gesundheitswesens sein. Lasst uns dafür gemeinsam streiten!