27. März 2010

Inflation als Rettungsanker

Von Dr. oec. habil. Ulrich Busch, Leibniz-Sozietät Berlin

Das Jahr 2009 war in Deutschland durch eine einigermaßen paradoxe Situation gekennzeichnet: Während die Rezession überwunden schien, die Wirtschaft im Verlaufe des Jahres die Talsohle durchschritten hatte und der Konjunkturhimmel sich allmählich wieder aufhellte, tendierte die Preisentwicklung weiter nach unten. Im Sommer lag die Teuerungsrate sogar unter Null und war damit so niedrig wie seit 27 Jahren nicht mehr. Ein Jahr zuvor hatte sie noch oberhalb von drei Prozent gelegen (vgl. Abbildung 1). Hochgerechnet auf das Jahr betrug der Preisanstieg nur 0,4%. Praktisch bedeutete dies, dass 2009 für die gleiche Warenmenge im Schnitt kaum mehr bezahlt werden musste als 2008. Und auch 2010 werden die Preise kaum steigen, durchschnittlich um 0,6 bis 1,0% (Projektgruppe 2009: 44).

Das war in früheren Aufschwungphasen anders: So stiegen die Preise Anfang der 1990er Jahre um bis zu fünf Prozent jährlich und zuletzt (2007/2008) um rund zweieinhalb Prozent (vgl. Tabelle 1). Im Langzeitvergleich zeigt sich allerdings, dass das Preisniveau zwar kontinuierlich angestiegen ist, das Ausmaß des Anstiegs im Zeitverlauf aber immer geringer wirdi, bis 2009 der Trend kippte und die Preise vorübergehend nicht mehr stiegen, sondern stagnierten oder zurückgingen. Diese Entwicklung war nicht nur in Deutschland zu beobachten, sondern auch in anderen Ländern. In der Eurozone fielen die Verbraucherpreise (jeweils gegenüber dem Vorjahresmonat) sogar noch stärker als hierzulande. Im Juli betrug der Rückgang 0,7%, in den Folgemonaten 0,3 bis 0,1%. Die jährliche Inflationsrate lag bei 0,3% (Eurostat 2010).

Angesichts dieser Daten stellt sich die Frage, ob es sich bei dem Preisverfall um einen außergewöhnlichen Vorgang handelt, ein temporäres Phänomen oder einen bloßen statistischen Effekt, oder aber, ob diese Richtungsänderung auf eine grundsätzliche Veränderung hinweist, auf einen Umschlag von Inflation in Deflation. Zuverlässig lässt sich dies gegenwärtig noch nicht feststellen, aber soviel ist sicher: das Phänomen stagnierender oder gar fallender Preise passt nicht in das Szenario eines konjunkturellen Aufschwungs. Von einem solchen aber ist, folgt man den Konjunkturprognosen der Regierung und der Wirtschaftsforschungsinstitute, seit dem Sommer 2009 fortgesetzt die Rede. Sollten sich die Vorhersagen bewahrheiten, so müssten die Preise kräftig anziehen. Hält dagegen die Tendenz stagnierender oder sinkender Preise an, so droht der Wirtschaft eine Deflationsspirale, wodurch die Produktion erneut in den Sog einer Rezession gezogen werden würde. Die Wirtschaft geriete in den „Würgegriff der unsichtbaren Hand der Deflation“ (Schaaf 2009) und damit in die Gefahrenzone von Stagnation und Depression. Der Konjunkturaufschwung wäre zu Ende, bevor er überhaupt richtig begonnen hat. Insofern birgt die aktuelle Preisentwicklung eine Gefahr in sich, der wirtschaftspolitisch begegnet werden muss. ...

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