Rundbrief Januar 2008

der AG Christinnen und Christen bei der Partei DIE LINKE

Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Schwestern und Brüder,

Ihnen und Euch ganz persönlich wünschen wir ein friedvolles, gelassenes, aktives und produktives Jahr 2008.

DIE LINKE braucht nicht ohne Stolz auf das vergangene Jahr zurückzublicken: Im Mai zog sie bei den Wahlen zur Bremer Bürgerschaft erstmals in einen westdeutschen Landtag ein - und dies mit einem fulminanten Ergebnis von 8,4% der Stimmen! Im Juni zeigten wir Seit an Seit mit attac und innerhalb eines breiten Bündnisses in Rostock der Welt, dass Alternativen zur neoliberalen Politik der in Heiligendamm versammelten Herrschenden möglich sein müssen, und schließlich erfolgte eindrucksvoll die Vereinigung von Linkspartei.PDS und WASG zur neuen Partei DIE LINKE.

Die Feierlichkeit indes war von kurzer Dauer. Arbeit steht ins Haus. DIE LINKE ist schließlich zum Erfolg verdammt. Bei Umfragen seit Monaten über 10% gehandelt, erwarten viele Bürgerinnen und Bürger von unserer Partei konsequentes Eintreten für soziale Gerechtigkeit und Frieden. Zurecht mahnen viele in unseren Reihen an, die Bewahrung der Schöpfung müsse ebenfalls ein klar erkennbares Thema für DIE LINKE sein, da nur Linke konsequent in der Lage seien, die soziale mit der ökologischen Frage zu verbinden.

Zwar laufen wir Gefahr, die Erwartungen von Bürgerinnen und Bürgern zu enttäuschen, wenn wir uns ins stille Kämmerlein zurückziehen, anstatt auf den Straßen und in den Parlamenten zu handeln. Allerdings sollte vor jeder Handlung die Reflexion stehen, und da sind die Dinge in unserer heterogenen Partei einfach nicht mehr so klar und einfach wie noch vor wenigen Jahren, ja Monaten:

  • Was ist sozial, was ist gerecht? Sollten wir auf einmal einer rückwärts gewandten Utopie der 70-er Jahre BRD folgen, nachdem die DDR als Utopie ausgedient hat? Ist Vollbeschäftigung sozial? Ist ein Bedingungsloses Grundeinkommen gerecht?
  • Welchen Stellenwert sollte die Ökologie einnehmen? Sollten die Roten grüner als die Grünen sein? Wie verhalten wir uns etwa zur Problematik von Ernährungssicherheit und Erneuerbaren Energien?
  • Ist die Frage nach Beteiligung an UNO-Mandaten ("Münster") wieder offen? Wie positionieren wir uns z.B. im Kosovo, im Heiligen Land?
  • Und auch strategisch: Zielen wir eher auf eine städtische, eine ländliche, eine gewerkschaftsnahe, eine von Hartz IV betroffene oder eine linksbürgerliche Wählerschaft? Oder versuchen wir, all das zu verbinden?

Wir werden in den nächsten Monaten und Jahren nicht nur kulturelle und politische Differenzen auszuhalten haben, sondern uns gleichzeitig in der kommenden Programmdebatte auf Entscheidungen einlassen, auf Kompromisse verständigen und nebenher noch etliche Landtagswahlen sowie die Wahlen zum Bundestag und zum Europäischen Parlament stemmen müssen, von Kommunalwahlen ganz zu schweigen. Wir werden uns als AG und als Einzelne aktiv in alles Genannte einbringen, wohl darum wissend, dass Differenzen und Heterogenität auch vor unserer AG nicht halt machen.

Was eigentlich kann die Motivation für Christinnen und Jüdinnen sein, für Muslime und Hindus, für Gläubige verschiedenster Couleur hier mitzuwirken, in diese Partei Zeit und Kraft zu investieren? Ohne die vielfältigsten Motivationen, die es geben mag, vereinnahmen zu wollen: Im Wesentlichen dürfte es die Überzeugung sein, dem ersten mosaischen Gebot gegen die zerstörerischen Götzen aller Zeiten folgen zu wollen, ein Licht, viele Lichter anzuzünden für eine bessere Welt. Um nicht missverstanden zu werden: Hierfür brauche ich keine Partei, dies geschieht im täglichen Miteinander; dort, wo Heilung möglich wird, wo psychische und materielle Barrieren überwunden werden. Wir Linken sind allerdings auch der Auffassung, dass dies nicht allein auf individueller Ebene erfolgen kann und dass es gleichermaßen gilt, Strukturen zu überwinden. Dazu kann DIE LINKE einen Beitrag leisten, das muss unsere Aufgabe sein.

Das Bild von den Lichtern, die anzuzünden wir uns aufmachen, passt in die Jahreszeit: Am 9. November feierten Hindus Divali, das laute Lichterfest, oft Erntedank und Neujahr zugleich. Am 5. Dezember begann Chanukka, das lichtvolle Fest, mit dem sich Jüdinnen und Juden an die Wiedereinweihung des Tempels durch Judas Makkabäus vor etwa 2170 Jahren erinnern.

Den meisten von uns kulturell am nächsten war wohl das Weihnachtsfest in den dunkelsten Tagen des Jahres. Allerdings verschwindet die Weihnachtsbotschaft allzu häufig im Konsumrausch oder bestenfalls in mehr oder weniger aufrichtigen Gefühlswallungen eines winterlichen Familienfestes; dann ist Familie vielleicht wirklich auch Familie, nicht nur Bedarfsgemeinschaft und nicht nur kleinste Zelle der Gesellschaft. Die Frohe Botschaft der Bibel ließ Jesus unter Armen in einem Stall geboren werden und zuerst Arme und in der damaligen gesellschaftlichen Rangordnung unten Stehende davon erfahren, die Intellektuellen, "Weise aus dem Morgenland", kamen erst später hinzu, doch Reiche und Mächtige finden nichts für sie Frohes in der Frohen Botschaft an Arme und Unterdrückte.

Gesellschaftlich gilt es: "alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist" (Karl Marx). Die Weihnachtsbotschaft ist auch gesellschaftlich eine Botschaft der Befreiung: Es ist Aufgabe der Menschen dafür zu sorgen, dass alle Menschen als Gottes Ebenbilder menschenwürdig leben können. Mehr noch: Übersetzen wir die christliche Lehre ins Politische, können wir dem neoliberalen "Fördern und Fordern" damit begegnen, dass der Mensch vor aller Leistung Würde besitzt und das Recht auf Existenz. Der Sabbat als Krönung der Schöpfung lehrt uns darüber hinaus, dass Friede mit der Schöpfung und Ruhen von der Erwerbsarbeit gerade auch Freiheit von ökonomischen Abhängigkeiten und Freiheit zu zweckfreiem Tun und sich Bilden beinhaltet.

Wir Christinnen und Christen und Gläubige anderer Religionen in und bei der Partei DIE LINKE wissen uns eins mit Kräften der Befreiungstheologie und des Religiösen Sozialismus. In dieser Tradition stehen und wirken wir. Wir werden in dieser Partei gebraucht wegen dieses spezifischen Blickwinkels in die Gesellschaft hinein, auf die Partei und auf unsere Glaubensgemeinschaften und religiösen Institutionen. Hier können wir, bei aller Vielfalt persönlicher Meinungen unter gläubigen Linken, emanzipatorisch wirken, eben nicht, weil wir uns einer vorgestellten Autorität Untertan fühlen, sondern weil wir uns ermächtigt glauben, den Versuchungen und Verführungen menschlicher Autoritäten zu trotzen. Soweit der Beitrag, den einzelne linke Gläubige in verschiedensten Zusammenhängen unserer Partei leisten können.

Ein Höhepunkt für unsere Arbeitsgemeinschaft im vergangenen Jahr war zweifellos wieder unsere Teilnahme am Deutschen Evangelischen Kirchentag, diesmal in Köln, und die unmittelbar davor erfolgte Herausgabe der religionautica IV durch die AGRel/AG ChristInnen in Sachsen. Zwischen Parteitagen bietet einmal im Jahr die religionautica als Jahrbuch der AGRel ein Forum zur Kommunikation. Zu verschiedenen Themen schrieben hier neben vielen anderen der Befreiungsstheologe Ulrich Duchrow (Uni Heidelberg), Sandra Dusch (Christl. Initiative Romero), die AGRel-SprecherInnen Ines Hetzel und Jens-Eberhard Jahn, Olaf Miemiec (BTF-DIE LINKE), Bettina Musiolek (Ev. Akademie Meißen), Franz Segbers (Uni Marburg), Birgit Zenker (KAB) – also in der Regel Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft, Kirche und Presse, die emanzipatorische Positionen vertreten.

'Abdu'l-Bahá, Gründer der Bahai-Religion, schrieb: "Die fünf Erdteile der Welt werden wie 'ein Land' sein, die vielen Völker werden wie 'ein Volk', die Erdoberfläche wird wie 'ein Vaterland' und das Menschengeschlecht wie 'eine Gemeinde' sein." Die Globalisierung hat uns dieser Vision näher gebracht, es gilt, das Antlitz der Welt zu gestalten, so, dass es allen schön ist. Ein etwas anderes Zitat finden wir im Koran: "Wenn Gott gewollt hätte, dann hätte er euch zu einer einzigen Religion erschaffen. Er hat euch in verschiedenen Religionen erschaffen, damit ihr einander kennen lernt" (Koran 5:48;49:13). Ganz abgesehen davon, dass wir nicht glauben, Gott hätte die Religionen geschaffen – diese sind vielmehr verschiedene Wege menschlicher Annäherung an das Göttliche –, ist das Spannungsverhältnis zwischen Sehnsucht nach Einheit und Gefallen an der Vielheit eben jenes Verhältnis, das den Menschen sowohl spirituell, als auch sozial, geistig, seelisch und körperlich auszeichnet: Einheit in der Vielfalt, gegenseitige Anziehung und Verständigung in der Differenz, Gleiches gleich und Verschiedenes verschieden behandeln – dies sind auch Grundsätze unserer Politik, dies sollten auch Leitbilder des Umgangs miteinander in unserer neuen Partei DIE LINKE sein.

War das Motto des Neoliberalismus, es gäbe keine Alternative (TINA – "There is no alternative"), so halten wir dem entgegen, dass es viele realistische Alternativen gibt (TAMARA – "There are many and real alternatives"). Aus TINA wird TAMARA. Lassen Sie / lasst uns mit TAMARA die Verhältnisse zum Tanzen bringen!

Sehr herzlich einladen möchten wir zur Veranstaltung unserer Bundestagsfraktion "KULTUR NEU DENKEN – Religion, Macht, Freiheit und die Schwierigkeiten, Identität zu bestimmen", eine Konferenz der Bundestagsfraktion DIE LINKE am 8. und 9. Februar 2008 an drei geschichtsträchtigen Orten in Erfurt – dem Augustinerkloster, der Neuen Synagoge, der Brunnenkirche.

Im Einladungsschreiben heißt es: "An zwei Tagen wollen wir über Glauben, Vernunft, Modernität, Kultur, Linkssein und die Rolle der Religion diskutieren – auf der Suche nach einer Identitätsbestimmung in unserer Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft.

Die beiden Grundsatzreferate von Bodo Ramelow "Religion gehört zum Leben…" und Paul Schulz "…Doch nur der Atheist ist ein autonomer Mensch" sollen in drei Podiumsrunden auf kirchlich-religiöser, künstlerischer und politischer Ebene diskutiert werden.

Als weitere Referentinnen und Referenten sind vorgesehen: Pröpstin Elfriede Begrich, Rabbiner Prof. Dr. Walter Homolka, Imam Dr. Mehdi Razvi, Prof. Dr. Eberhard Tiefensee, Dr. Michel Friedman, Dr. Bahman Nirumand, Serap Çileli, Dr. Manfred Lütz, Michael Triegel, Carlos Manuel, Christian Lehnert, Katrin Göring-Eckardt, Christine Lieberknecht, Katja Kipping, André Blechschmidt.

Anmeldungen sind zu richten an das Büro von Luc Jochimsen, Kulturpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion DIE LINKE, Platz der Republik 1, 11011 Berlin.

Wir treffen uns als Arbeitsgemeinschaft weiterhin am jeweils zweiten Sonnabend eines jeden Monats (außer Juli und August) um 10.30 Uhr im Karl-Liebknecht-Haus, Kleine Alexanderstraße 28, 10117 Berlin. (U-Bf. Rosa-Luxemburg-Platz, Linie U2)

Als Referenten für die nächsten Treffen haben bisher zugesagt: 8. März Bodo Ramelow, religionspolitischer Sprecher unserer Bundestagsfraktion

Mit herzlichen Grüßen

im Namen des Sprecherinnen- und Sprecherrats der AG Christinnen und Christen bei der LINKEN

gez. Jens-Eberhard Jahn
gez. Friederun Fessen