Beschluss 2008-82

Bildungsarbeit der Partei

Beschluss des Parteivorstandes vom 25. Februar 2008

Grundlinien und Maßnahmen für die Entwicklung einer systematischen und flächendeckenden Bildungsarbeit

Ausgehend vom ersten gemeinsamen Bildungstag von WASG und Linkspartei.PDS im April des vergangenen Jahres, gestützt auf die daraus entwickelte „Agenda Bildungsarbeit“ und im Ergebnis des Bildungsseminars im November 2007 in  Elgersburg, beschließt der Parteivorstand  folgende Grundlinien und Maßnahmen für die Entwicklung einer systematischen und flächendeckenden Bildungsarbeit für DIE LINKE.

  1. Grundlinien
  2. Struktur des Bildungsangebots
  3. Organisation
  4. Maßnahmen für 2008
  5. Finanzen

1. Grundlinien

Die Bildungsarbeit der LINKEN ist ein wesentlicher Teil ihrer politischen Praxis und weder Selbstzweck noch Nebensache. Sie soll der dauerhaften Anstrengung um ein tieferes Verständnis unserer Zeit dienen und damit die Voraussetzungen schaffen, dass sich möglichst viele Mitglieder an der Weiterentwicklung unserer Alternativen beteiligen und qualifiziert in politische Debatten eingreifen können. Nur eine lernende Partei kann auch gesellschaftliche Lernprozesse befördern. In diesem Sinne wollen wir eine emanzipatorische Bildungsarbeit entwickeln, weil sie auf die persönliche und gesellschaftliche Emanzipation gerichtet ist.

Systematische Bildungsarbeit setzt erstens die Entwicklung eines Angebots voraus, das sich ebenso an der gesellschaftlichen Praxis wie am Stand der kritischen Wissenschaft orientiert. Zweitens sollte sich dieses Angebot sowohl an den Bedürfnissen der Lernenden als auch an den Erfordernissen einer systematischen Wissensaneignung ausrichten. Und drittens setzt systematische Bildungsarbeit eine gewisse Regelmäßigkeit und ein möglichst flächendeckendes Angebot voraus. Diese Anforderungen werden mittelfristig nur durch ein Bildungsnetzwerk aus Multiplikatoren zu erfüllen sein, das an die Vorstände angebunden ist, aber eine eigene Kommunikations- und Arbeitsstruktur entwickelt.

DIE LINKE beginnt den Aufbau ihrer systematischen Bildungsarbeit unter äußerst schwierigen Bedingungen. Im Gegensatz zur angeblichen Wissens- und Informationsgesellschaft nimmt nicht nur der strukturelle Analphabetismus zu, sondern auch die politische und ökonomische Unwissenheit. Während die Informationsflut immer unübersichtlicher wird, nimmt das Verständnis gesellschaftlicher Prozesse ebenso ab wie die Lese- und Lernbereitschaft. Die Krise des Sozialismus hat nicht nur das sozialistische Projekt diskreditiert, sondern auch seine theoretischen Grundlagen. Diese Bedingungen verlangen eine intensive Bildungswerbung, eine Aufwertung des politischen Lernens und der theoretischen Debatte, vor allem aber qualifizierte und wissenschaftlich fundierte Vermittlungsmethoden.

Die geistige Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Gesellschaft kann sich nicht auf die Aneignung theoretischer Kenntnisse oder entsprechender praktischer Fertigkeiten beschränken. DIE LINKE, wird nur dann an geistiger Ausstrahlung gewinnen, wenn sie im Zusammenhang mit dem organisierten Lernen auch eine eigene Kulturarbeit entfaltet.

2. Struktur des Bildungsangebots

Ein systematisches Angebot muss sowohl die unterschiedlichen Anforderungen der politischen Praxis als auch die verschiedenartigen Ausgangsvoraussetzungen der TeilnehmerInnen berücksichtigen. Wir unterscheiden deshalb:

Einzelangebote, die es den Parteigliederungen ermöglichen, sich mit aktuellen Themen vertraut zu machen, die Alternativen der Partei kennen zu lernen und eigene Aktivitäten vor Ort zu entwickeln.

Qualifizierungsangebote für bestimmte politische Funktionen oder Tätigkeiten, die weitgehend überregional angeboten werden. Dazu gehört auch die systematische Qualifizierung von MultiplikatorInnen.

Grundlagenbildung mit einheitlichen, aber nach Lernstufen gegliederten Bildungsmaterialien. Sie sollen so konzipiert sein, dass sie sowohl an der Basis als auch überregional eingesetzt werden können. Sie werden für mehrere Veranstaltungen mit unterschiedlicher Dauer konzipiert.

Angebote zur Unterstützung der Programmdebatte. Sie müssen Mitglieder qualifizieren, die umstrittenen Fragen und unterschiedlichen Meinungen zu verstehen, und sie müssen einen Rahmen bieten, in denen sie ihre eigenen Positionen zum zukünftigen Programm erarbeiten können.

3. Organisation

Der Eigensinn der Partei verlangt, dass sie sich eine genaue Vorstellung davon erarbeitet, welche Lern- und Informationsnotwendigkeiten bestehen, aber auch welche Bedürfnisse oder Lernbarrieren vorherrschen. Dies heißt jedoch nicht, dass die Partei alles selber tun muss, was sie für notwendig hält. In der Bildungsarbeit der LINKEN und in ihren Umfeldorganisationen finden wir unterschiedliche Akteure. Die Bildungsarbeit der Bundesebene macht z.B. nur einen Teil der parteieigenen Bildung aus, wobei die Länder den deutlich größeren Anteil an Bildungsangeboten zu gewährleisten haben. Es ist zu berücksichtigen, dass die Rosa-Luxemburg-Stiftung auf Bundes- wie auf Länderebene ein umfassendes Angebot vorhält. Es ist daher sinnvoll die besondere Qualität der Bildungsarbeit beider Organisationen herauszustellen und abzugleichen.

Die Bildungsarbeit der Partei hat Mitglieder und der LINKEN nahestehende Menschen als Zielgruppe.

Bildungsziele  sind: Die Entwicklung eines überdurchschnittlichen politischen Bildungsniveaus, die Befähigung zur selbständigen kritischen Auseinandersetzung mit der Tagespolitik, Stärkung der Parteiidentität, Verbesserung der Organisations- und Personalentwicklung und die Qualifizierung für aktives politisches Handeln in Kampagnen und Wahlkämpfen.

Daraus ergeben sich folgende Bildungsangebote: Ein  breites Grundlagenangebot zur Qualifizierung  neuer FunktionsträgerInnen, spezielle Weiterbildungsseminare, Begleitung und Unterstützung der Programmdebatte.

Die Organisation der parteieigenen Bildungsarbeit ist auf der Bundesebene so anzulegen, dass folgendes geleistet werden kann:

  • Erstellen eines Rahmens für ein Gesamtangebot der Bildungsarbeit der Partei
  • Entwicklung von Seminarkonzepten und Arbeitsmaterialien
  • Aufbau eines SeminarmitarbeiterInnen- und Fachleutepools
  • Durchführung von Modellseminaren
  • Organisation von Erfahrungsaustauschen der in der Bildung Tätigen
  • Koordination und Abstimmung der Bildungsarbeit mit den Ländern
  • Unterstützung und Beratung  der Länder bei dem Aufbau eigener Bildungsarbeit
  • Aufbau und Pflege eines Bildungsnetzwerkes

Die Bildungskommission hat den Auftrag, hierzu die notwendigen Vor- und Zuarbeiten zu leisten. Sie wird so zusammengesetzt, dass alle Länder mit ein bis zwei Mitgliedern in ihr vertreten sind. Der Parteivorstand beruft die vorgeschlagenen Mitglieder in die Bildungskommission, benennt seine eigenen VertreterInnen und die hauptamtlichen Mitglieder und ruft weitere Bildungsfachleute hinzu.

Die Bildungskommission tagt das nächste Mal in der Zeit vom 4. bis 5. April 2008. Darüber hinaus findet im Herbst ein bundesweiter Bildungstag mit allen aktiven BildungsarbeiterInnen zu einem Erfahrungsaustausch und einer Bestandsaufnahme ihrer Arbeit  statt.

Es ist Aufgabe der Länder sicherstellen, dass in allen Kreisvorständen Bildungsbeauftragte tätig sind. Wie auf der Bundesebene ist auch in den Ländern das Angebot der RLS bei der eigenen Bildungsplanung berücksichtigen.

4. Maßnahmen für 2008

4.1 Grundlagenbildung

Die Arbeitsgruppe besteht zurzeit aus 12 Mitgliedern, die sich zunächst einen Termin- und Arbeitsplan bis zum Oktober 2008 gegeben haben.
Es wird die erste Stufe eines Curriculums für die Aneignung grundlegender Kenntnisse der Gesellschaftswissenschaft, der politischen Theorie und der Kritik der politischen Ökonomie entwickelt, das besonders interessierten Mitgliedern, vor allem aber FunktionsträgerInnen angeboten werden soll. Unter dem Titel "Quellen, Triebkräfte und Bruchstellen des Neoliberalismus" wird bis zum September 2008 die Rohfassung eines Teilnehmerheftes und eines Leitfaden für Referierende hergestellt. Parallel zur Ausarbeitung der Stufe 1 wird für Referierende ein methodisch-didaktischer Leitfaden erstellt. Vom 10. bis zum 12. Oktober wird auf der Grundlage der erstellten Materialien ein erstes Seminar für Referierende durchgeführt, das gleichzeitig der Evaluierung des Materials dient.

4.2 Methodische und inhaltliche Qualifizierung der Referierenden

In Zusammenarbeit mir den Landesverbänden wird ein Netzwerk von Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aufgebaut, das von der Kommission politische Bildung betreut und qualifiziert wird. Die interne Kommunikation des Netzwerkes wird über einen regelmäßigen Newsletter und ein internes Angebot auf der Homepage des Parteivorstandes sichergestellt.

4.3  Sofortangebote für neue Mitglieder und FunktionsträgerInnen

Für 2008 konnte eine weitere Arbeitsgruppe ein Sofortangebot für "Politik von A bis Z" vorlegen (siehe: www.die-linke.de/mitgliedschaft/weiterbilden). Vor Ort besteht die Möglichkeit aus dem vorhandenen Themenspektrum weitere "Bestellseminare" durchzuführen.

4.4. Bildungsangebote zur Programmdebatte

Zur Unterstützung und Förderung der Diskussion um das zukünftige Parteiprogramm wurde ebenfalls eine Arbeitsgruppe bestimmt. Ihre Aufgabe ist, TeamerInnen für die Moderation der zu führenden Debatten zu qualifizieren und geeignete Materialien zur Unterstützung der Mitgliederdiskussionen zu erstellen.

5. Finanzen

Bildungsarbeit ist eine wichtige strategische Aufgabe der Partei. Dieses sollte sich auch im Finanzhaushalt der LINKEN. dokumentieren. Der Haushalt weist aber bisher keine eigene Position für Bildungsmaßnahmen aus. Die Finanzierung der Bildungsarbeit erfolgt aus dem Etat des Bereichs Parteientwicklung. Dieser hat nach bisheriger Planung für 2008 insgesamt 50.000 Euro zur Verfügung, wovon 30.000 zunächst für Bildungsmaßnahmen vorgesehen waren. Die Arbeit der Kommission, insbesondere die Durchführung von Modellseminaren und des bundesweiten Erfahrungsworkshops erfordern aber eine Erhöhung der Mittel um weitere 10.000 Euro. Die Mittel für die Bildung werden daher im Haushalt 2008 mit insgesamt  40.000 Euro ausgewiesen.

In Zukunft erhält die Bildung eine eigene Haushaltsposition.

Mitglieder der Bildungskommission

Auf Vorschlag der Landesverbände:

Lorenz Gösta Beutin (Schleswig-Holstein)
Ina Leukefeld    (Thüringen)
Christian Engelhardt (Thüringen)
Annegret Gabelin (Berlin)
Anny Heike (Bayern)
Michael Lassowski (Bremen)
Anke Lohmann (Sachsen-Anhalt)
Friedrich Schütz (Sachsen-Anhalt)
Reinhard Neudorfer (Baden-Württemberg)
Stefan Straub (Baden-Württemberg)
Hartmut Obens (Hamburg)
Enrico Stange (Sachsen)
Hans-Georg Trost (Sachsen)
Elke Theisinger-Hinkel (Rheinland-Pfalz und PV)
Harald Petzold (Brandenburg)
Bärbel Beuermann (NRW)
Christina Zett (NRW)
N.N. (Mecklenburg-Vorpommern)
N.N. (Niedersachsen)
N.N. (Hessen)
Barbara Spaniol (Saarland)

Auf Vorschlag des Parteivorstandes:

Ulrike Zerhau (stellv. Parteivorsitzende)
Harald Werner (Parteivorstand)
Elke Theisinger-Hinkel (Parteivorstand und RLP)
Claudia Gohde (Bundesgeschäftsstelle)
Martin Harnack (Bundesgeschäftsstelle)
Heinz Hillebrand (Bundesgeschäftsstelle)
Bernd Ihme (Bundesgeschäftsstelle)
Lutz Brangsch (Rosa-Luxemburg-Stiftung)
Dieter Schlönvoigt (Rosa-Luxemburg-Stiftung)
Thomas Händel (WASG-Verein)
Michael Munkler (ver.di B+B)
Horst Mathes (IG-Metall Bildungszentrum Sprockhövel)
Brigitte Stelze (Bildungsstätte Das Bunte Haus)
Bernhard Wilhelmer (Wissenschaft)
Sigrun Merkle (Teamerin)
N.N. (SDS)
N.N. (Linksjugend ['solid])