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Andrea Kocsis
Was viele kaum für möglich gehalten haben und viele Skeptiker auf den Plan gerufen hat, ist gelungen: 10 Jahre nachdem sich vier DGB Gewerkschaften und die DAG zu ver.di zusammengeschlossen haben, ist wirklich eine neue Gewerkschaft entstanden: Über eine Million neue Mitglieder seit Gründung, ein höherer Erwerbstätigen-Anteil an der Mitgliedschaft als je zuvor - mehr als 75 Prozent - mehr Frauen als Männer, spiegeln die Struktur der Beschäftigten in den Dienstleistungsbranchen wider.
Viele Berufe, Kulturen, gewerkschaftspolitische Erfahrungen und Positionen haben sich zusammengefunden. Diese Vielfalt immer wieder zu erneuern, bleibt eine ständige Herausforderung und ist die große Chance: Knopfdruckgewerkschaft mit der Willensbildung von oben nach unten, Stellvertreterpolitik und auch noch Fraktionierungen waren gestern. An die Stelle getreten sind Prozesse der Verständigung, des voneinander Lernens, von Kommunikation - kurz - eine neue Kultur des Miteinander. Verständigung und Kommunikation, Toleranz und gelebte Solidarität erfordern Zeit, führen aber zu tragfähigen Ergebnissen. Insofern hat sich die Matrix bewährt. Und was oft von außen übersehen wird: ver.di ist Gewerkschaft in erster Linie von Ehrenamtlichen, will sagen von Kolleginnen und Kollegen, die eine Basis haben, und wer sich die Wahlvorschläge für den Kongress ansieht, erkennt leicht, dass sich das Geschlechterverhältnis umgekehrt hat und dies gilt auch für die Führungsebenen unterhalb des Bundesvorstandes.
Dies ist eine, trotz mancher Mängel, gute Ausgangslage für gewerkschaftliche Interessenvertretung in unruhigen Zeiten:
1. Weltwirtschaftliche Ungleichgewichte, die Krise des Euroraums, ausgelöst von den Finanzmarktakteuren, die noch vor kurzem mit Milliardensummen vor dem Zusammenbruch gerettet wurden, verhindern eine stabile Entwicklung. Die den südlichen EU-Ländern aufgezwungenen Kürzungspläne, die endgültig in die Rezession führen, der direkte Angriff auf Arbeitnehmerrechte, Renten oder die Tarifautonomie verlangen klare gewerkschaftliche Antworten und die können nur lauten: Regulierung der Finanzmärkte, europäische Programme für Wachstum und Beschäftigung vor allem in Südeuropa, gerechte Verteilung der Kosten der Krise.
2. Niedriglohnsektor und die zunehmende Prekarisierung unterspülen die Fundamente der von den Gewerkschaften erkämpften Entgelte und Arbeitsbedingungen und die Grundlagen der Mitbestimmung. Nichts ist dringender als eine klare Position für den allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn ab 8,50 Euro und die Reregulierung der Beschäftigungsverhältnisse. Mindestlöhne, gute Tariflöhne, neue Formen der Arbeitsumverteilung stehen auf der Agenda ebenso wie das entschiedene Engagement für eine Sozialstaatspolitik, die die soziale Sicherung im Alter, bei Krankheit und Arbeitslosigkeit wieder stärkt.
3. Der Wandel hin zu einer technologiegestützten Dienstleistungsökonomie fordert neue Konzepte. Aufwertung der Dienstleistungsarbeit, Professionalisierung und eine umfassende Qualifizierung, Forschung und Entwicklung für neue Dienstleistungen und öffentliche Investitionen in gesellschaftlich notwendige Dienstleistungen sind Eckpunkte der ver.di Dienstleistungspolitik – ein Schwerpunkt des Kongresses.
ver.di war und ist immer dort erfolgreich, wo wir Mitglieder organisieren und aktivieren, in den Betrieben und Verwaltungen, den von uns vertretenen Branchen. Der Schlüssel für Gewerkschaftsmacht liegt in den Betrieben und natürlich ist diese auch mit einer gesellschaftspolitischen Perspektive verbunden. Meine Erwartungen an den Kongress: Entscheidungen zu treffen, mit denen wir weitere vier Jahre vereint erfolgreich für Gerechtigkeit handeln können.
Andrea Kocsis, stellvertretende Vorsitzende der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di)