Was haben 29 Frauen und ein Mann an einem Sommerwochenende im schönen Habichtswald in Hessen zu suchen (oder: zu tun)? Sie trafen sich am 14. und 15. August in der Jugendbildungszentrale von ver.di in Naumburg bei Kassel zur Ausbildung für Teamerinnen und Teamer.
Das Seminar wurde von Mitgliedern der Kommission Politische Bildung als das erste vertiefende Themenseminar nach unserem, bereits mehrfach durchgeführten Seminar „Einführung in die Programmdebatte“ entwickelt.
Ziel war zu lernen, worin frauenpolitische Anforderungen an die Programmdebatte bestehen und wie sie erarbeitet werden können. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten im Ergebnis motiviert und in der Lage sein, als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren das vorliegende Seminarkonzept in den Kreis- und Landesverbänden bzw. in den Frauenstrukturen der Partei umzusetzen.
Das Seminar gliederte sich in einen inhaltlichen Einstieg mit Textarbeit, vertiefende Arbeitsgruppen, die sich mit den Themen Erwerbsarbeit und Diskriminierung, linke Familienpolitik und mit einer Zukunftswerkstatt befassten, und einen Praxisteil, in dem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer den vorliegenden Programentwurf unter die frauenpolitische Lupe nahmen.
Anhand von Zitaten aus der Internationalen Broschüre, dem LiSA-Manifest und weiteren Quellen wurden Fragen diskutiert wie: Warum wollen wir eine feministische Herangehensweise an das Parteiprogramm und worin besteht sie? Was sind die Eckpunkte eines linken feministischen Projekts? Diese Methode der theoretischen Arbeit stieß auf große Resonanz, weil sie spannend und inspirierend ist und den Anwesenden ermöglicht, ihre eigenen Erfahrungen und Sichtweisen einfließen zu lassen.
An den Arbeitsgruppen schätzten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor allem die Möglichkeit, sich selbst zu organisieren, eigene Schwerpunkte zu setzen und gleichberechtigt an der Diskussion beteiligt zu sein. Viele meinten, dass eine solche Arbeitsweise auch öfter in der eigenen politischen und Bildungsarbeit vor Ort genutzt werden sollte. Neu war für Viele auch die Methode der Zukunftswerkstatt. Ein ausführlicherer Bericht darüber ist in der Wortmeldung von Anja Röhl zu lesen.
Großen Zuspruch fand die Diskussion in den Arbeitsgruppen zum Programm. Die intensive Diskussion in kleinen Gruppen erwies sich als effektiv und sehr produktiv, entfachte die Neugier und weckte die Lust aufs Weitermachen. Beeindruckend waren auch die dokumentierten Diskussionsergebnisse, die der Redaktionsgruppe zur Überarbeitung des Programmentwurfs übergeben wurden. Im Mittelpunkt der Kritik am Programmentwurf stand, dass es noch nicht gelungen ist, durchgängig die Auswirkungen von Politik auf Frauen und Männer zu beschreiben und die Geschlechterperspektive bei der Entwicklung unserer Vorstellungen von einer demokratisch-sozialistischen Gesellschaft und dem Weg dorthin einzunehmen.
Wichtig war uns als Teamerinnen, mit unseren Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch darüber zu sprechen, wie sie ihre gewonnenen inhaltlichen und methodischen Kenntnisse vor Ort umsetzen wollen. Und da gibt es schon viele Ideen und großen Enthusiasmus. Für die erfolgreiche Vorbereitung und Durchführung eigener Seminare wird die tatkräftige Unterstützung der Kreis- und Landesvorstände, der Arbeitsgruppen bzw. Kommissionen Politische Bildung und der Frauenstrukturen gebraucht.
Wir haben uns vorgenommen, mit unseren Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Kontakt zu bleiben und sie bei der Umsetzung ihrer Vorhaben zu unterstützen.
Obwohl unser Wochenendseminar mitten in der Urlaubszeit stattfand, waren Zuspruch und Anmeldezahlen sehr hoch. Wir mussten etlichen Interessentinnen absagen. Wir planen nun, dieses Ausbildungsseminar im Dezember ein zweites Mal zentral anzubieten. Und wir wünschen uns, dort noch den einen oder anderen Mann mehr begrüßen zu können. Feministische Bildungsarbeit sollte gerade in unserer Partei nicht das Privileg allein von Frauen sein.
Annegret Gabelin, Regina Stosch und Ulrike Zerhau
Bericht einer Teilnehmerin
Immer noch und schon wieder verdienen Frauen in allen Schichten, Berufen und Sparten weniger als Männer, zum Teil erheblich weniger. Sie nehmen das allerdings nicht zur Kenntnis, schätzen es selbst nicht so ein, und Männer wollen davon nichts wissen; außer den Personalchefs.
Um „Frauenpolitische Anforderungen an das Programm der Partei DIE LINKE" ging es bei einem Seminar in Naumburg bei Kassel. Frauen und ein Mann diskutierten in Naumburg Aspekte wie „Feminismus und Neoliberalismus“, „Grenzen von Gender-Mainstreaming“, „DDR und "Frauenqualifizierung“ und „Die Häuslichkeit der Männer“. Immer mit Blick auf das Parteiprogramm ging es darum, welche Geschichte wir vorfinden. Was haben wir hinter, was vor uns? Was wollen wir erreichen?
In der unbeliebtesten von drei Arbeitsgruppen wurde ein emanzipatorisches Gegenmodell gegen konservative „Familienpolitik“ entwickelt. Mit den rötesten Wangen und am vergnügtesten kehrten die Frauen aus der AG „Utopie“ zurück. Sie waren nach 15 Jahren im Weltall auf eine „ideale“ Erde zurückgekehrt - ohne Nahost-Konflikt, Gockelgehabe und Katzbuckeln. Das Geld war abgeschafft, die Erziehung der Kunst Ausgangspunkt fürs Selberdenken. Der Islam hatte sich auf seine demokratisch-humane Tradition mit Hochachtung für Frauen besonnen. Die rein äußerliche Feminisierung und Individualisierung aller Lebensweisen war eine erfreuliche Vorstellung.
In der AG Erwerbsarbeit glänzten die DDR-Frauen. Die kannten sich aus. Hatten sie doch eben erst für eine Minute in der Weltgeschichte einmal am eigenen Leib erfahren, was es heißt, sich als Frau nicht minderwertig, nicht schwächer, nicht unter dem Mann stehend zu empfinden, eben weil ihnen viele Berufe offen standen, sie finanziell wirklich unabhängig waren, und es staatliche Politik war, sie aus der Hausfrauenrollenfalle herauszuholen. Die Wut über den Verlust all dieser feministischen „Privilegien“ hat Ostfrauen in Resignation und Depression oder zumindest Politikmüdigkeit getrieben. Manche Lebensbedingungen der Westfrauen – beispielsweise den Mann bis 1974 um Erlaubnis fragen müssen, ob man arbeiten dürfte – kamen den Ostfrauen nachgerade wie aus dem Mittelalter vor. Damit ist nichts gegen den Widerstand im Westen gesagt. Die Frauen haben sich im Kampf gegen Konventionen, Väter und Ehemänner tapfer geschlagen und einiges erreicht: Emanzipation trotz aller Rückschrittlichkeit, Frauenidentität, Frauengeschichte, Frauensprache und grundsätzliche Kritik am patriarchalen Gesamtsystem.
In Sachen Familienpolitik kam man schnell überein, dass der Begriff Familie auf alle ausgeweitet werden muss, die aus freien Stücken eng miteinander leben. Außerdem braucht es mehr gesamtgesellschaftliche Verantwortung für typische „Familienaufgaben“ – bei besseren Bedingungen. Das beginnt bei einer Grundsicherung für alle und geht über die Aufwertung der Pflege bis zu neuen Betreuungsschlüsseln in den Kindergärten. Auf eine Erzieherin dürfen nicht länger 18 Kinder kommen, allenfalls vier oder sechs, je nach Alter. In den Schulen braucht es kleinere Klassen, mehr Ferienreisen … - wir waren wieder bei den Ergebnissen der AG Utopie. Am Ende hatte sich auch für die Frau aus Gorleben gelohnt, vier Tage lang mit dem Fahrrad angereist zu sein.
Anja Roehl